Die Einleitung von Richard Stöss – vom Umfang her ein Buch zu Parteientheorie und Parteientypologie der Bundesrepublik für sich alleine – entwickelt wichtige Gedanken zur Begrifflichkeit der politischen Partei zwischen den drei Definitionsmerkmalen Organisation, Staat und Volk. Die Skizzierung historischer Grundlagen des liberalen, konservativen und sozialistischen Parteienkonzepts sowie der Kritik des Begriffs der Volkspartei gipfelt schließlich in dem neuen Namen "demokratische Massenlegitimationspartei", mit dem die bundesdeutschen Regierungsparteien CDU/CSU, SPD und FDP etikettiert werden. Die Typologie der übrigen Parteienlandschaft der Bundesrepublik reicht dann von antidemokratischen über antikapitalistischen, teiloppositionellen bis zu ökonomisch-sozialen Interessenparteien.

Der politisch-analytische Wert dieser umfassenden begrifflichen Anstrengung scheint mir allerdings fraglich. Bei allem Verständnis für die Verästelungen der Kleinparteien scheint mir doch bei den heutigen Bundestagsparteien, ganz abgesehen von den Grünen, mehr grundsätzlich und historisch unterscheidbare Substanz übrig zu sein, um sie nicht einfach in den großen Topf mit dem umständlichen Etikett "demokratische Massenlegitimationsparteien" einzurühren. Wenn man den historisch und ideologisch vorbelasteten Begriff Volkspartei nicht will, sollte man stärker differenzieren, statt derselben Parteiengruppe einfach einen anderen Namen zu verpassen.

Viele Einsichten der langen Einleitung bleiben wichtig. Aber die typologische Bemühung scheint mir überzogen. Nichts illustriert dies deutlicher als die erfreuliche Tatsache, daß die eigentlichen Parteianalysen im Kernteil des ersten Bandes von den terminologischen Anstrengungen recht unberührt erscheinen.

Wer Interesse an der politischen Organisationsgeschichte der Bundesrepublik hat, dem erschließt sich hier ein spannendes Feld, das gelegentlich bis zum Abenteuerspielplatz für politische Sekten gerät, wenn am Schluß des Bandes drei Parteien, die "Deutsch-Soziale Union", die Otto Strasser! Heimführung erhoffte, die "Europäische Arbeiterpartei", die mit Helga Zepp La-Rouche den Ferne der Menschheit besonders in der britischen Königsfamilie verkörpert sieht, und die "Europäische Föderalistische Partei", die auf der Basis vor. Proudhon einen "integralen Föderalismus" propagiert, untersucht und dargestellt werden. Je nach Bedeutung der Parteien schwanken die Beiträge im Umfang zwischen dem längsten zur CDU von Ute Schmidt mit 170 Seiten und gut 20 Seiten für die kleinsten Gruppen. Nach dem Zufall des Alphabets nimmt dieser erste Band besonders auch die christlichen Parteien auf.

Neben dem vorzüglichen Beitrag von Ute Schmidt zur CDU verdient auch ihr Beitrag zur Zentrumspartei hervorgehoben zu werden. Ali Mintzel hat sich wieder der CSU und der Bayernpartei angenommen. Natürlich können alle 19 Einzeldarstellungen nicht extra gewürdigt werden, Sie scheinen aber durchweg zuverlässig über Gründung, Programm, Bündnispolitik, Wahlbeteiligungen, parlamentarische Vertretung und Regierungsbeteiligung, Organisation und Presse der untersuchten Parteien erschöpfend und übersichtlich zu informieren. Nicht manche skurrilen Einzelheiten von Kleinstparteien, sondern profunde Informationen zum Gesamtzusammenhang des Parteiensystems und zu Entwicklungen und Strukturen der großen Parteien machen den Wert dieses Handbuchs aus.

Die beeindruckende editorische Leistung geht damit weit über ein lexikalisches Nachschlagewerk hinaus. Es erschließt die beeindruckende Materialfülle des umfangreichsten deutschen Parteienarchivs am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin. Das Ergebnis vor. 10 Jahren Arbeit von Autoren und Herausgeben: kann sich damit sicher mehr als weitere 10 Jahre sehen und lesen lassen.