Canal plus startet im Minus

Frankreichs erste "private" Fernsehkette beginnt ihre Sendungen

Am 4. November, acht Uhr morgens, ist es soweit. Nach der einstündigen Eröffnungssendung werden gleich die kleinen Zuschauer verwöhnt, die zwar schon längst auf den Knopf drücken, aber noch nicht recht lesen können: Trickfilme stehen auf dem Programm. Dann sind die Eltern dran: Es darf geturnt werden. Danach mögen sie entspannungsbedürftig in ihren Sessel sinken und die fünfminütigen Nachrichten über sich ergehen lassen, bevor endlich Jean Paul Belmondo via Bildschirm im Wohnzimmer erscheint: "Das As der Asse" heißt der Erfolgsstreifen, den Frankreichs neue Fernsehkette Canal plus ausstrahlt.

Damit werden die drei staatlichen Fernsehanstalten TF 1, Antenne 2 und FR 3 erstmals von einem mächtigen, theoretisch unabhängigen Konkurrenten herausgefordert: Canal plus ist ein kommerzieller, aber doch nur halb privater Sender. Denn die Regierung hat dafür gesorgt, daß alles seine etatistische Ordnung hat und nicht außer Kontrolle gerät. Hauptaktionär des neuen Senders ist mit gut 42 Prozent Frankreichs staatshöriger Medienriese Havas, dessen Chef André Rousselet ein enger Freund Mitterrands ist: Aber auch Staatsunternehmen und Staatsbanken wie Credit Lyonnais oder die Banque Nationale de Paris haben Aktien gezeichnet. Wirklich private Anleger und einige Regionalzeitungen halten lediglich ein paar Prozente am Kapital von 150 Millionen Francs (rund fünfzig Millionen Mark).

Ob Canal plus ein lohnendes Geschäft wird, ist allerdings noch ungewiß. Alles hängt davon ab, wie viele Franzosen von der Plus-Welle erfaßt werden. Denn nur wer für umgerechnet vierzig Mark im Monat ein Abonnement zeichnet, wird Canal plus empfangen können – mit einem Zusatzgerät, das am Fernseher angeschlossen wird. Überdies muß der Abonnent jeden Monat seine persönliche Codenummer neu eintippen. Die Franzosen haben vom amerikanischen Pay-TV gelernt.

Sponsoren für Sendungen

Canal plus hat nicht gespart, um sich bekannt zu machen. Die großangelegte Werbekampagne ließ sich Direktor Philippe Ramond zwölf Millionen Mark kosten – "dreimal mehr als für die Lancierung eines Waschmittels". Zwar lehnten die staatlichen Konkurrenten die Ausstrahlung von Werbespots ab, doch die farbigen, ganzseitigen Anzeigen in der Presse versprachen Gewalt und Erotik, viel Sport und Kino. Gleichwohl dürfte das ursprüngliche Ziel von 200 000 festen Abonnenten bis zum ersten Sendetag am 4. November nicht ganz erreicht werden. In einem Jahr sollen es gar 700 000 werden. Doch erst 1986, wenn die Millionenschwelle überschritten ist, kann Canal plus hoffen, aus dem finanziellen Minus herauszukommen.

Um zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen, werden alle Sendungen an sogenannte Sponsoren versteigert, deren Firmensignet oder Marke dann im Vor- und Nachspann erscheinen. Auf diese Weise sind bereits an die dreißig Millionen Mark geflossen, dringend benötigtes Geld. Denn der neue Sender mit seinen 375 Mitarbeitern in einem Pariser Hochhaus kommt doppelt so teuer wie ursprünglich geplant: Über 250 Millionen Mark werden für das Geschäftsjahr 1984/85 veranschlagt. Da wird es nicht ausbleiben, daß Abonnementsgebühren – vielleicht schon Anfang 1985 – erhöht werden.

Canal plus startet im Minus

Dabei sind Kaufhäuser, Fernsehhändler und Video-Clubs, die neben siebzig Telephondamem im Canal-plus-Hauptquartier die Abonnements vertreiben, nicht eben glücklich mit dem Geschäft. Das System mit wechselnden Codenummern und Zusatzgeräten sei für viele Kunden "zu kompliziert", klagen sie und ärgern sich über "Verkaufsgespräche bis zu drei Stunden". Älteren TV-Modellen fehlen zudem die nötigen Anschlüsse, und manche Fernsehantenne muß neu gerichtet oder gar ersetzt werden. Obendrein verlangt Canal plus für das Zusatzgerät eine Kaution von 140 Mark. All das wird das Interesse an der großangekündigten Attraktion nicht gerade steigern.

Freilich, 53 Prozent der potentiellen Kunden, so ermittelten die Veranstalter, verfügen über ein gutes Einkommen: Mehr als sechzig Prozent sind jünger als 35 Jahre; fünfzig Prozent haben Kinder, ebenfalls die Hälfte lebt in Paris oder in anderen französischen Großstädten. Derzeit umfassen die fünf Sendegebiete (Pariser Raum, Picardie im Norden, Rhône-Alpen-Region, Mittelmeerküste von Sète bis Menton, nördliche Auvergne) nur die Hälfte der französischen Haushalte. Erst in zwei Jahren soll ganz Frankreich abgedeckt sein. Dann hofft man, bestenfalls fünfzehn Prozent der Haushalte für ein Abonnement zu gewinnen.

Täglich zwanzig Stunden

Doch ob das gelingt, hängt nicht zuletzt von der Gestaltung der Programme ab: Canal plus wird während der Woche zwanzig Stunden am Tag, am Wochenende rund um die Uhr senden. Für 320 Kinofilme im Jahr sind vierzig Prozent der Sendezeit reserviert – wobei jeder Film mehrmals ausgestrahlt wird, an verschiedenen Tagen zu verschiedenen Zeiten. Die Regierung machte zur Auflage, daß die Hälfte des Angebots durch französische Produktionen bestritten wird. Einzelne ausländische Kinofilme sollen versuchsweise in der Originalversion über den Bildschirm flimmern. Alle Filme werden erst ausgestrahlt, wenn sie auf dem Video-Markt verfügbar sind.

Daneben setzt Canal plus große Hoffnungen auf die Direktübertragung von 25 Spitzenspielen während der Fußballsaison, auf Boxkampf- und American-Football-Übertragungen. Morgens zwischen sieben und neun soll eine lockere Talk- und Nachrichtenshow die Zuschauer wachrütteln. Mit nur achtzehn Journalisten ist allerdings kein Staat zu machen, und das ist wohl auch ganz im Sinne der Regierung. Das Billigangebot ergänzen Fernsehdokumentationen, Kindersendungen und eine Erfolgsserie – aus Brasilien’.

Die staatlichen Fernsehanstalten nehmen die Konkurrenz dennoch ernst: Auch sie wollen künftig Morgenmagazine ausstrahlen. TF 1 strukturiert sein Programm um, Antenne 2 hat neue Serien eingekauft. Denn Canal plus wird nicht die einzige Konkurrenz bleiben. Am 15. Oktober hat Télé Monte Carlo sein Sendegebiet verdreifacht und darf seitdem bis Marseille und Toulon ausstrahlen. Überdies wird sich das bisher gültige Verbot von Lokalfernsehen nicht aufrechterhalten, die Verkabelung von Paris nicht ewig hinauszögern lassen.

Gleichwohl scheint das Risiko von Canal plus, das bei den Vorbereitungsarbeiten unter gewaltigen Zeitdruck geraten ist, so groß, daß an der Pariser Börse die Aktien des wichtigsten Kapitalgebers Havas gefallen sind.