Dabei sind Kaufhäuser, Fernsehhändler und Video-Clubs, die neben siebzig Telephondamem im Canal-plus-Hauptquartier die Abonnements vertreiben, nicht eben glücklich mit dem Geschäft. Das System mit wechselnden Codenummern und Zusatzgeräten sei für viele Kunden "zu kompliziert", klagen sie und ärgern sich über "Verkaufsgespräche bis zu drei Stunden". Älteren TV-Modellen fehlen zudem die nötigen Anschlüsse, und manche Fernsehantenne muß neu gerichtet oder gar ersetzt werden. Obendrein verlangt Canal plus für das Zusatzgerät eine Kaution von 140 Mark. All das wird das Interesse an der großangekündigten Attraktion nicht gerade steigern.

Freilich, 53 Prozent der potentiellen Kunden, so ermittelten die Veranstalter, verfügen über ein gutes Einkommen: Mehr als sechzig Prozent sind jünger als 35 Jahre; fünfzig Prozent haben Kinder, ebenfalls die Hälfte lebt in Paris oder in anderen französischen Großstädten. Derzeit umfassen die fünf Sendegebiete (Pariser Raum, Picardie im Norden, Rhône-Alpen-Region, Mittelmeerküste von Sète bis Menton, nördliche Auvergne) nur die Hälfte der französischen Haushalte. Erst in zwei Jahren soll ganz Frankreich abgedeckt sein. Dann hofft man, bestenfalls fünfzehn Prozent der Haushalte für ein Abonnement zu gewinnen.

Täglich zwanzig Stunden

Doch ob das gelingt, hängt nicht zuletzt von der Gestaltung der Programme ab: Canal plus wird während der Woche zwanzig Stunden am Tag, am Wochenende rund um die Uhr senden. Für 320 Kinofilme im Jahr sind vierzig Prozent der Sendezeit reserviert – wobei jeder Film mehrmals ausgestrahlt wird, an verschiedenen Tagen zu verschiedenen Zeiten. Die Regierung machte zur Auflage, daß die Hälfte des Angebots durch französische Produktionen bestritten wird. Einzelne ausländische Kinofilme sollen versuchsweise in der Originalversion über den Bildschirm flimmern. Alle Filme werden erst ausgestrahlt, wenn sie auf dem Video-Markt verfügbar sind.

Daneben setzt Canal plus große Hoffnungen auf die Direktübertragung von 25 Spitzenspielen während der Fußballsaison, auf Boxkampf- und American-Football-Übertragungen. Morgens zwischen sieben und neun soll eine lockere Talk- und Nachrichtenshow die Zuschauer wachrütteln. Mit nur achtzehn Journalisten ist allerdings kein Staat zu machen, und das ist wohl auch ganz im Sinne der Regierung. Das Billigangebot ergänzen Fernsehdokumentationen, Kindersendungen und eine Erfolgsserie – aus Brasilien’.

Die staatlichen Fernsehanstalten nehmen die Konkurrenz dennoch ernst: Auch sie wollen künftig Morgenmagazine ausstrahlen. TF 1 strukturiert sein Programm um, Antenne 2 hat neue Serien eingekauft. Denn Canal plus wird nicht die einzige Konkurrenz bleiben. Am 15. Oktober hat Télé Monte Carlo sein Sendegebiet verdreifacht und darf seitdem bis Marseille und Toulon ausstrahlen. Überdies wird sich das bisher gültige Verbot von Lokalfernsehen nicht aufrechterhalten, die Verkabelung von Paris nicht ewig hinauszögern lassen.

Gleichwohl scheint das Risiko von Canal plus, das bei den Vorbereitungsarbeiten unter gewaltigen Zeitdruck geraten ist, so groß, daß an der Pariser Börse die Aktien des wichtigsten Kapitalgebers Havas gefallen sind.