Bisher ist die deutsche Westküste von einem Ölunfall verschont geblieben – ein reiner Zufall. Was aber geschähe, wenn...? Als der Öltanker Afran Zenith im Sommer vor drei Jahren in der Elbe auf Grund ging und zu zerbrechen drohte, wäre die Frage um ein Haar beantwortet worden.

Ganz am Ende des sehr sachlich gehaltenen Buches "Seevögel – Opfer der Ölpest" läßt der Ornithologe Gottfried Vauk die Katastrophe im Geiste geschehen:

"Es ist der 28. Mai 1985. In der Vogelwarte auf Helgoland sitzt man wie üblich noch zusammen, obwohl es schon 23 Uhr ist, und spricht über die Ereignisse des Tages. Nach einem schönen Morgen ist aus Nordwest eine Sturmfront aufgezogen, und jetzt heult der Sturm um das Gebäude. Unbeachtet lief das Radio so nebenher, doch plötzlich läßt die Stimme des Nachrichtensprechers jedes Gespräch verstummen: ‚In der Elbmündung nahe der Vogelinsel Scharhörn ist der 60 000 Tonnen große, voll beladene griechische Tanker XV mit Ruderschaden in schwere Seenot geraten.‘ Jeder im Raum weiß, was das bedeuten kann: Ölpest schlimmsten Ausmaßes, mitten in der Brutzeit."

Drei Schleppern gelingt es in der rauhen See nicht, den manövrierunfähigen Tanker in Sicherheit zu bringen. Er läuft am Scharhörn-Riff auf Grund und bricht in zwei Teile. Das Öl ergießt sich in die See. Wegen der Explosionsgefahr müssen alle Rettungsarbeiten zunächst eingestellt werden. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Die Vogelschützer bitten die Jägerschaft um Hilfe, weil eine Massentötung verölter Seevögel unausweichlich scheint. Die Bevölkerung wird aufgeklärt, "daß hier nichts zu retten ist und mit laienhaften Waschaktionen schon gar nichts zu retten ist".

In den folgenden Tagen breitet sich das Öl in der Deutschen Bucht aus. "Schwer verölte Vögel sitzen, sich unentwegt putzend, badend und schüttelnd auf den Inseln und Sandbänken. Der Tierschutzverein hat es abgelehnt, größere Rettungsversuche für die ölverseuchten Vögel einzuleiten. Man ist sich auch dort der Aussichtslosigkeit der Situation bewußt."

"Der Krisenstab kann sich nur schwer zu bestimmten Ölbekämpfungsmaßnahmen entschließen: Für ein Einschließen mit schwimmenden Ölsperren ist die Ölfläche inzwischen zu groß geworden, die See immer noch zu bewegt; das Öl abzufackeln, das heißt durch Bombenabwürfe zu entzünden, wird gar nicht erst diskutiert, da durch die unvollständige Verbrennung weitere unerwünschte Schadstoffe wie polyzyklische und aromatische Kohlenwasserstoffe entstehen würden. Der Großeinsatz von sogenannten Dispergatoren wäre zwar möglich, scheitert aber am Widerstand der Meeresbiologen, die mit Recht einen noch stärkeren Gifteffekt im Watt und Flachwasser befürchten. In den Seebädern um Cuxhaven sind Feuerwehren, Bundeswehr und freiwillige Helfer im Einsatz, um mit Schaufeln und Eimern das Öl von den betroffenen Stränden zu kratzen. Aber in das Watt können auch diese Hilfsmannschaften nicht vordringen. Zwei Tage später ist Helgoland vom Öl eingeschlossen."