Von Barbara Ungeheuer

Wann und wen immer sie empfängt, die Frau sitzt in einem purpurroten Kindersessel und führt die permanente Lucky Strike zum feuerroten Mund, als inhaliere sie Weihrauch. Das Gesicht erinnert an die erstarrten Züge eines alten Indianerhäuptlings: der schwarze Helm aus aalglatten Haaren, der starke Knochen im hageren Gesicht, die Stammeszeichen aus Rouge und Kohle.

Sofort kommt Diana Vreeland zur Sache: "Wie himmlisch Ihr Kleid, so cool, sorbet de menthes!" Sie streckt ihre langen, dünnen Finger zur Segnung aus, hebt das Kinn himmelwärts, öffnet die Lippen weit genug, um einen ganzen Apfel zu schlucken, und sagt auf deutsch "wunderbaaahrr", so als wäre das Wort noch nie adäquat benutzt worden.

Diana Vreeland bringt, 82jährig, noch immer, was ihre Welt seit Generationen von ihr erwartet. Flair: "Ein bißchen Vulgarität gehört zum guten Geschmack wie Paprika in den Gulasch"; Übertreibung: "Königskinder sind die schönsten Kinder der Welt"; amüsant formulierte Verallgemeinerungen: "Die Franzosen sind sehr großzügig, wenn man ihnen Geld anbietet"; ungeprüfte Aphorismen: "Rosa ist das Marineblau von Indien" und grenzenlose Bewunderung für den outrierten Luxus: "Paris war nach dem Krieg verändert. Bei Coco Chanel gab es für Negligees keine Anproben mehr."

Ihre Welt ist die Mode – ganz exklusiv. Seit über vierzig Jahren haben die Leute, die sie machen und die sie zur Schau stellen, Diana Vreeland zu ihrem Orakel erkoren. Als Kolumnistin bei Harpers Bazar, dann als Chefin von Vogue, den beiden großen amerikanischen Modefibeln, hat sie über Saumlängen, Farbtöne, Puderquasten, Miederspitzen und Absatzhöhen befunden, über den Mannequins und Models das Zepter der "Madame de Style" geschwungen. Sie hat Modeschöpfer wie Halston "gemacht" und Andy Warhols Schuhzeichnungen gedruckt, bevor er Suppenbüchsen malte. Sie hat den Dünnhaarigen Wolkennester aufgesetzt und den Flascnenbeinigen Reitstiefel verpaßt. War der "Afro-Look" in, dachte sie auch an die Bleichgesichter und setzte ihnen Mohrenkopfbroschen auf die Brust. Unübertroffen vor allem die vielen goldenen Ratschläge, die sie ihren Lesern von Oregon bis Florida erteilte. So stand in ihrer "Why don’t you" betitelten Kolumne: "Warum waschen Sie nicht die Haare ihres blonden Kindes in abgestandenem Champagner?" oder: "Warum verwandeln Sie Ihren abgelegten Hermelin nicht in einen Bademantel?"

Jetzt hat New Yorks Modekaiserin, die als Kostümberaterin des Metropolitan-Museums weiterhin diesen Thron besetzt, ihr Leben auf Band erzählt und daraus den Bestseller "D. V." geschnitten. Diana Vreeland, oder "Dee-ana – Darling", wie ihre Jünger immer jauchzen, wenn sie ihnen einen Auftritt beschert, ist beglückt über die Resonanz ihrer Memoiren: "Ich hatte ein fabelhaftes Leben und wollte es mit den Menschen teilen, die heutzutage viel zu pessimistisch sind und zu oft darüber nachdenken, was sein könnte, und nicht, was ist."

Was ist bei D. V.? Bücher, die Recherchen für ihre nächsten zwei Ausstellungen im Museum: "Der Reiter und sein Pferd" und "Der Zauber Indiens" in Körben gestapelt; Muscheln, Porzellanpudel, schottische Pulverhörner, stumme Mohrendiener immer gruppenweise ins Feld dieses klatschmohnroten Chintzboudoirs gesetzt. Der Tag ist hier Nacht, und Diana Vreeland läßt das einzige Band, das sie kennt, noch einmal laufen.