Was ist’s, das den Atem verschlägt? Schatzbeute im Dunkeln eines Schiffsleibes. Glühend, funkelnd, metallisch klirrend. Raubgut, längst gereinigt von Blut und Kot – "o welche Schändung, als sie die verehrten Ikonen zu Boden schleuderten, als sie die Reliquien derer, die für warfen". Ruch des Frevels sind sie auf hohen Glanz gebrachte Träger göttlicher Weisheit, von der es im Buch Hiob heißt, "Gold und edles Glas kann man ihr nicht gleichachten noch sie eintauschen um güldnes Kleinod."

Die Cimelen der Basilika von San Marco gelten als der Welt reichster Kirchenschatz, vieles davon Beute, stammt aus der Einnahme von Konstantinopel. Die 43 Exponate der über 300 des "Tesoro", die Venedig zum ersten Mal seit 780 Jahren verlassen (noch vor zehn Jahren ein unmögliches Unterfangen), legen Zeugnis ab von der Kunstfertigkeit einer sinnenfrohen Phantasie aus der Zeit des ersten bis späten 15. Jahrhunderts. Frühbyzantinisch, römisch, byzantinisch, islamisch und abendländisch: die vier Kulturkreise greifen, olympischen Ringen gleich, ineinander über. Glas- und Edelsteingefäße stammen aus Rom und Byzanz, dessen Emailtechnik auch in Venedig bekannt; venezianisches Filigran kannte byzantinische Muster, schwere Bergkristallarbeiten sind römischer und islamischer Provenienz.

Pokale, Patene, Ikonen, silbervergoldete Bucheinbände, Patriarchenkelche, das edelsteinverzierte Brustbild des Hl. Michael, Trinkschalen des Kaisers Romanos, Achatkannen, Reliquienkreuze – das alles ist prachtvoll, groß und schwer. Erforderte nicht schon das Überstehen der Plünderung eine gewisse Robustheit? Dandolo höchstselbst inventarisierte das elegante Ensemble, jener greise Doge, der Schuld an dem verhängnisvollen 13. April 1204 trug, da der vierte Kreuzzug in Konstantinopel sein unrühmliches Ende fand. Drei Tage währte die Plünderungsfreiheit der Männer, "die gelobt hatten, keine Frau zu berühren oder, auch nur mit ihnen zu sprechen, solange sie das Kreuz auf ihren Schultern trügen". Die leidvollen Klagen der griechischen und russischen Chronisten faßt 750 Jahre später Sir Steven Runciman in dem lakonischen Satz zusammen: "The sack of Constantinople is unparalleled in history."

Am Ende dieses fehlgeleiteten Kreuzzuges, der ursprünglich unter dem Zeichen der Befreiung Jerusalems stand und nun gegen die Christen selbst gerichtet war, nahm der Sieger für die Serenissima, "die schöne Tochter Konstantinopels", von allem "ein Viertel und ein Halb", drei Achtel je den Kreuzfahrern und den Venezianern; ein Viertel blieb dem künftigen Kaiser vorbehalten. Profane und liturgische Gerätschaften, Evangelienbücher, Kandelaber – unbesehen hatten sie ihre Trophäen aus Klöstern, Kirchen und Palästen mit Goldmosaiken und Hunderten von ineinandergehenden Zimmern gerissen, Altartische zerstückelt, ja, die Barbaren "führten selbst ihre Maulesel und Packtiere bis zum Allerheiligsten und beladen sie schwer." Das Unheil brach herein über die reichste Stadt der mittelalterlichen Welt wie eine Apokalypse. Aber: die Haudegen besaßen Kunstverstand.

Ehrfurcht vor der prachtvollen, ja so lebendigen Schönheit dieser Kunstwerke mit all ihren Spuren der Benutzheit, der Zerstörung, ihrer Verwitterung, den fehlenden Perlen und Absplitterungen, ihrer preziösen Einfachheit und hohem Raffinement, läßt ihre trübe Historie freilich vergessen. Ein Thronreliquiar, hellgrauer Alabaster (6. Jahrhundert), für einen Kurzbeinigen geschaffen, "Stuhl des Hl. Marco" zeigt reiche Bildhauerarbeit auf der Kopfstütze mit zwei Bartmännern der Kreuz wache.

Glas bietet sich in schönster, kostbarster Form: dunkelpurpurfarben mit mythologischen Szenen und Gemmenköpfen, vermutlich ein "kapriziöser Auftrag des Kaisers Konstantin VII. Luxusware auch die opake türkisene Schale in silbervergoldeter Fassung mit Email Cloisonné und Edelsteinen, darunter rennt großkopfig ein Hase. Staatsgeschenk des persischen Schah an die Signoria, anno 1472.

Gold wurde in den kaiserlichen Hofwerkstätten Konstantinopels für Bucheinbände verwendet, für Staurotheken und Ikonen, dingliche Unterpfänder einer Heilssehnsucht. Erzengel Michael in grünblauem emailliertem Küraß und den Insignien imperialer Macht mag als ein Beispiel für die hypnotische Kraft der himmlischen Gestalten stehen, die durch das reichornamentierte Kunsthandwerk noch zusätzlich Faszination erlangen. "Wenn sie sah, daß die Ikone an Leuchtkraft verlor", heißt es von der Kaiserin Zoe (1042), "ging sie traurigen Blickes weg, wenn sie eine feurig-rote Farbe annahm und in glänzendstem Licht erstrahlte, meldete sie es sofort dem Kaiser und kündete ihm zukünftiges Geschehen."

Unsere säkularisierte Welt habe den Zugang zu den Mythen verloren; so ihre solennen Darstellungen zu Herz und Verstand sprechen sollen (so Hugo Borger), bedarf es ausgeklügelter Darbietungskünste. Die Inszenierung im Römisch-Germanischen Museum lag in den Händen des von Olivetti, dem Sponsor dieser Raritäten-Inszenierung beauftragten Architekten und Designers Mario Bellini. Jede einzelne Preziose stellte er unter eine hohe, gläserne Pyramide; wuchtig-braune Vitrinen mit kräftigen Beinen erinnern an die Pfähle, auf denen die Lagunenstadt errichtet wurde. Unterstützt durch die Lichtführung im dunklen Raum nimmt die Architektur in ihrer strengen Linienführung den kreuzförmigen Grundriß des berühmten Entwurfes der Basilika von Christus abscheuliche Orte Museum bis nuar 1985, 48 DM, Kurzführer 4 DM) Ursula Voß 27. Ja-Katalog