ZEIT: Herr Bundespräsident, Sie sind in den wenigen Monaten Ihrer Amtszeit im Lande zu einer moralischen Instanz geworden. Der Bürger fühlt sich derzeit bedrängt und bedrückt durch die Vorgänge, die in Bonn während der letzten Wochen enthüllt worden sind. Er wird auch allein gelassen mit seinen Sorgen. Die Frage, die er sich stellt: Wird Bonn doch Weimar?

Richard von Weizsäcker: Ich nehme nicht die Position einer moralischen Instanz für mich in Anspruch. Die Ereignisse, auf die Sie abheben, erfordern aber unser aller Aufmerksamkeit, selbstverständlich auch die meine. Sie bedürfen der Klärung.

Die Schwächen von Weimar lagen auf einer anderen Ebene. Was uns in der Bundesrepublik mit Recht beschäftigt, ist die Frage, ob der Bürger auf die Unabhängigkeit und Integrität der gewählten politischen Organe vertrauen darf. Ich bin davon überzeugt, daß die Institutionen, die es in unserem Land gibt, in der Lage sind, die Fragen, die in diesem Zusammenhang auftreten, deutlich zu stellen und letztlich auch zu klären. Wir haben es nach meiner Überzeugung in keiner Weise mit einer Krise des Gemeinwesens und Staates im ganzen zu tun – wohl aber mit der Notwendigkeit, die aufgeworfenen Probleme ernstzunehmen und zu lösen.

ZEIT: Es geht um ein grundsätzliches Problem: um das Verhältnis zwischen Wirtschaftsmacht und politischer Macht. Da gibt es eine legitime Mitsprache der Vertreter der Wirtschaft, aber es gibt, wie wir gesehen haben, auch Versuche, illegitim oder sogar illegal Einfluß zu nehmen. Wo ist hier die Linie zu ziehen?

Weizsäcker: Es darf gar keinen Zweifel darüber geben, daß Politiker, egal ob sie in der Exekutive oder in der Legislative Verantwortung tragen, unabhängig sein und bleiben müssen. Ich möchte von der Wirklichkeit sprechen, wie sie mir in der eigenen Erfahrung begegnet ist.

Was die Haltung unserer Politiker in unserer politischen Ordnung beeinflußt, ist, wie sein eigener Parteikreisverband sich ihm gegenüber verhält; wie die Wähler in seinem Wahlkreis oder seinem Bundesland sich zu ihm einstellen; wie die Lokalzeitungen und Medien im ganzen sein Tun beurteilen.

Daß jedoch die Wirtschaft im allgemeinen oder ein Unternehmen im besonderen eine unerlaubte maßgebliche Beeinflussung legislativer oder exekutiver Entscheidungen tatsächlich erreicht – das habe ich, kann ich nur sagen, in meiner politischen Praxis nicht erlebt.