Im heimatlichen Minnesota nannte man ihn den golden boy. Die Karriere von Walter Mondale erschien ja so mühelos! Immer fand sich gerade rechtzeitig ein Mentor, der den "goldenen Jungen" per Ernennung auf einen vakanten Spitzenjob hievte. Und immer füllte Mondale den Job so ernst und gewissenhaft aus, daß er bei der nächsten Abstimmung von Wählern im Amt bestätigt wurde. Auf diese Weise wurde der adrette junge Anwalt erst Justizminister von Minnesota, dann Senator dieses Bundesstaates in Washington und schließlich Vizepräsident unter Jimmy Carter. Auch die Nominierung zum jetzigen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten verdankt Mondale einem Gönner: Gewerkschaftsboß Lane Kirkland. Ohne die Ernennung zum Wunschkandidaten des Gewerkschaftsverbandes AFL/CIO wäre Mondale aus den Vorwahlen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht als Sieger hervorgegangen.

Aber nun, im Duell mit Ronald Reagan, kann dem "idealen Schwiegersohn", wie Mondale von einem Kommentator treffend beschrieben wurde, kein Mentor und kein Gönner mehr helfen. Er ganz allein muß die Amerikaner davon überzeugen, daß er von dem Stoff ist, aus dem große Präsidenten gemacht werden. Das ist eine schwierige Aufgabe für einen Mann, den der liebe Gott offensichtlich nicht für das TV-Zeitalter gemacht hat – und der zu allem Unglück auch noch gegen einen Mann antreten muß, der so redet wie Frank Sinatra singt. Ohne Zweifel ist Ronald Reagan der beste Präsidentschaftsdarsteller seit Franklin D. Roosevelt.

Deshalb versucht Mondale, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die sachliche, thematische Ebene zu lenken, nach dem Motto: Dieser Reagan ist zwar ein netter, liebenswürdiger alter Herr – aber seine Politik ist verheerend, weil sie dem Frieden auf der Welt und einer dauerhaften wirtschaftlichen Prosperität im Wege steht.

Das Problem ist nur, daß alle Warnungen vor einer "Wirtschaftskatastrophe" ziemlich unglaubwürdig erscheinen angesichts des derzeitigen Aufschwunges. Als Reagan im Wahlkampf 1980 bei der Fernsehdiskussion mit Jimmy Carter die Frage stellte: "Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?" schüttelte ganz Amerika verneinend den Kopf. Heute dagegen nickt die Mehrheit bei derselben Frage.

Sechs Prozent Wirtschaftswachstum – das weckt Erinnerungen an die gute alte Zeit in den fünfziger Jahren, als starkes Wirtschaftswachstum wie eine Selbstverständlichkeit erschien. Und ebenso wie damals ist die Vermehrung des Sozialprodukts nicht mit steigenden Inflationsraten verbunden. Das starke Wirtschaftswachstum hat zudem die Arbeitslosigkeit, die am Ende der letzten Rezession 10,7 Prozent erreichte, auf 7,3 Prozent gedrückt.

Die Kritiker im In- und Ausland ziehen es allerdings vor, auf die Haare in der Suppe zu starren. Sie sehen "überhöhte" Zinsen, einen "überbewerteten" Dollar, ein "bedrohliches" Haushaltsdefizit und ein "erdrückendes" Defizit in der Handelsbilanz der USA.

Ohne Zweifel ist die Einnahmelücke von 175 Milliarden Dollar im laufenden Bundeshaushalt ganz erheblich, vor allem, wenn man sie mit den vergleichsweise bescheidenen Defiziten Washingtons in der Vergangenheit vergleicht. Berücksichtigt man jedoch die gleichzeitig von den US-Bundesstaaten erwirtschafteten Überschüsse, so ergibt sich eine um ein Drittel verminderte Schuldenaufnahme der öffentlichen Hände in den USA. Sie liegt im Verhältnis zum jeweiligen Bruttosozialprodukt unter der Verschuldung Japans und der Bundesrepublik.