Von Siggi Weidemann

Das also ist sie. Isla Graciosa, ein leerer Flecken Natur mitten im Atlantik. Ein Dorf, steinige Täler, eine wilde, felsige Küste und ein sandiger, sanfter Strand, ein erloschener Vulkan, ein paar hundert Menschen, die mit dem Rücken zur Welt leben, irgendwo zwischen Afrika und Südamerika.

Kaum ein Lanzarote-Besucher, der am Aussichtspunkt Mirador del Rio hinübersieht auf den wüsten Flecken mit den kilometerlangen Sandstränden, spielt nicht mit dem Gedanken, auf das einsame Eiland hinüberzufahren. Eine Idee, die selten in die Tat umgesetzt wird. Selbst Kolumbus segelte mit seinen Karavellen nur vorbei, als er gen Westen und vermeintlich nach Indien aufbrach. Genau 90 Jahre zuvor, 1402, entdeckte der normannische Seefahrer Jean de Bethencourt das Inselchen. Er taufte es Graciosa, die "Anmutige".

Glück war im Spiel. Oder nur der Zufall, daß Graciosa sich bis heute ihre heimliche Ausstrahlungskraft bewahrt hat und die allzu geschäftigen Reiseveranstalter die Insel noch nicht entdeckt haben.

Unsere erste Erfahrung ist das Licht, als wir von den Planken des blau-grünen Fischerbootes springen, das uns hierher geschaukelt hat. Ein strahlendes, blendendes Licht liegt über dem Dorf und der blauen Bucht. Ein Licht, das lockt.

Von Caleta del Sebo, dem einzigen Ort, wandern wir an der Küste entlang in Richtung der kleinen Feriensiedlung Pedro Barba. Neuzeitlicher Müll am Ortsrand, Meeresmüll am Strand: Dutzende von toten Riesenschildkröten, zahlreiche ölverklebte Seevogelkadaver, Plastikgegenstände in allen Farben und Formen. Ein enttäuschender Auftakt unseres Entdeckungszuges.

Die Schutthalde am Ufer ist auch ein Werk der Meeresströmung, die den Unrat auf etwa einen Kilometer Strandlänge begrenzt. Von der Küste weg führt der Weg über staubige Pfade und durch steinige Landschaft. Das Kolossale und Nackte, das oft Bizarre, Groteske und Chaotische dieser Gegend rührt uns an in seiner Erhabenheit und unheimlichen Distanz: Nur ein paar vom Wind verwilderte Sträucher, aber keine Bäume wachsen in den Ebenen von geschmolzener und ineinandergewrungener Lava. Klumpige, prähistorische Monster. Aber wir wollen keine Steinkluft versäumen, kein ausgetrocknetes Bachbett auslassen auf unserem Marsch, denn hinter jeder Biegung könnte ja noch etwas Schöneres liegen. Ein scheinbar unbekanntes Land, das sich bisweilen abrupt zu einer weißen Sandbucht mit türkisfarbenem, sanftem Wasser öffnet.