Von Reiner Luyken

Sechs Uhr: Wecken. Klamme, schmuddelige Laken; Fieberträume, die den schmerzgepeinigten Körper nicht loslassen. Die fahle Glühbirne flackert, draußen dröhnt ein Generator. Die Kameraden wälzen sich von den Pritschen. Nackte Sohlen tappen auf kalten Fliesen ... eine Stimme bohrt sich in das benommene Jenseits. Georg versteht nicht. Er versucht, etwas zu sagen. Unordentliche Laute formen sich auf seinen trockenen, heißen Lippen. Was will er eigentlich sagen? Er weiß es nicht. Ein fürchterlicher Hustenanfall reißt seinen verschwitzten Körper hoch. Der Generator hämmert immerfort in seinem Schädel ... die Stimmen – oh, es hört nicht auf!

Schließlich sinkt er kraftlos und schwach in seinen Fieberwahn zurück. Wieder brennt das Gas in den Augen, die Maschinengewehre hämmern, tack-tack-tack, er rafft sich auf, die Knie geben nach. Nein, vorwärts, weiter, beiß die Zähne zusammen! Tack-tack-tack, Lehm und Schlamm spritzt, die ganze Welt dröhnt und hämmert ...

Georg Kögerer, 19 Jahre, liegt im Sterben: Kriegsgefangenenlager Inverarish, Isle of Raasay, Schottland. Am darauffolgenden Tag wird er auf dem Friedhof oberhalb des Parks von Raasay House beigesetzt. Später werden seine Mitgefangenen ihm einen Stein setzen und darauf folgende Inschrift meißeln:

Kögerer Georg

geb AD 1898

gest 17. 5. 1917