Von Hugo Dittberner

Ich erinnere mich noch gut an die große, reingewaschene Wandtafel, auf die der Direktor in einer Vertretungsstunde einen Menschen zeichnete, um uns etwas Wichtiges, vielleicht Lebenswichtiges zu demonstrieren. Seine Zeichnung war eine mutige Krakelei und hob vor allem die Reinheit der Tafel ringsum hervor. Fast kicherten wir. Doch da setzte der Direktor ein Kreuzchen in den Kopf und eines in den Bauch. "So!" sagte er und schrieb neben das Kopfkreuzehen groß ZORN und neben das Bauenkreuzehen noch größer WUT. Zorn nämlich ist zivilisiert, Wut aber elementar. Der zornige Mensch ist zwar, wie schon Seneca wußte, nicht angenehm, aber er gehört dazu. Der wütende Mensch ist anders.

Der Physiklehrer zeigte uns mit einer gewissen Regelmäßigkeit, was das heißt. Wenn jemand eine naheliegende, in der Frage doch fast schon mitgelieferte Antwort unerschrocken und selbstgefällig verfehlte, gar in seiner schlampigen Verbohrtheit ohne Reue verharrte, so brach es aus ihm heraus. Zunächst noch in Form des Merkworts: "Dummheit und Stolz wachsen aus einem Holz!" Dann in einem immer schwerer faßbaren Gemisch aus Beschimpfungen und Heiserkeit. Den hochdringenden Wogen der Wut waren die feineren Instrumente des Halses und des Kopfes nicht gewachsen, und der ganze Mensch geriet aus der Fasson. Schließlich stand der Lehrer mit violettem Kopf, außer Atem und verschwitzt da und konnte oft für Minuten nichts mehr tun. Dies waren die stillsten Minuten meiner Schulzeit. Wir waren erschreckt und erschüttert, und uns tat wohl instinktiv die Kreatur, die sich dort in einer Explosion zu zerstören schien, unendlich leid. Solange die Heiserkeit des Physiklehrers an das Ereignis erinnerte, waren auch die Robustesten behutsam und brav.

Ich weiß nicht, ob es zornige Hunde oder Katzen gibt; aber es gibt tollwütige. Und so nennen wir wütende Menschen auch toll. Wie Nietzsche den Menschen, der am hellichten Tag mit einer Laterne unter den Menschen Gott suchte und dann verkündete: Gott ist tot, was heißt: die Grundlagen unserer Zivilisation sind zerbrochen, wir sind aus der Fassung geraten – wie Nietzsche diesen ersten bewußt modernen Menschen toll nennt (um ihn später als dionysischen zu feiern). Der tolle, wütende Mensch verliert die Herrschaft über sich selbst, er verliert sein Gesicht; er gerät in Ekstase. Und das, lehrte unser Direktor, ist stets der Anfang vom Ende. Nie mehr können wir einen Menschen, den wir wütend erlebt haben, ansehen, ohne daran zu denken, wie ihn die Wut entstellte, wozu die Wut ihn machen kann. Dieser Mensch verliert nicht unbedingt seine Autorität; doch seine Autorität wandelt sich, sie ist zugestanden, geschenkt, wie einem Spielverderber. In einem Akt der rettenden Liebe dargebracht. Manchmal denke ich, in den Erzählungen von anhänglicher Zuneigung zu alten Lehrern mischt sich gerade die Erfahrung ihrer Wut und der investierten Aufmerksamkeit und, ja, Liebe, um diese Wut zu vermeiden. Als begehrte andererseits der wütende, der tolle, der moderne, der dionysische Mensch die rettende Liebe der anderen, des Gottes. Und als erwarteten viele heute diese Liebe nur noch von sich selbst und ließen ihre Wut implodieren.

Denn eines ist merkwürdig. Je offensichtlicher wir alle wüten, desto weniger Menschen wollen wir aus der Haut fahren sehen. Wir wüten gegen unsere Umwelt, sei es Natur oder Kultur; wir wüten in Horden, sei es als Touristen oder Fans; wir wüten jeder für sich durch das, was man Lebensstil nennt, gegen die Zukunft unserer Kinder und gegen uns selbst. Jeder kann es an den Folgen wahrnehmen: er braucht nur in die Wälder, an die Autobahnen und Müllkippen, in die Krankenhäuser und in die Gegenden zu gehen, die er aus dem Fernsehen kennt. Jeder nimmt die Folgen wahr – und doch wieder nicht. Wir brabbeln nur, als hätten wir uns mit Milch bekleckert. Damals, als ein Wütender zwölf Jahre lang der Führer in unserem Lande war, ahnte man doch die Wut und meinte sie als Motor nutzen oder wenigstens lokalisieren zu können.

Es scheint zugleich Ausdruck unserer historischen Situation und instinktives Sich-zur-Wehr-Setzens dagegen, wenn die Jungen, wie es so heißt, zunächst einmal cool sind, selbst wenn sie in schamanenhafter Buntheit einherwandeln. Sie wollen nichts Besonderes mehr meinen, sondern nur alles, lieber Beckett. Und da wir Erwachsenen, seit die Erwachsenenzivilisation aus der Fasson geraten: also selber wütend ist, von der Jugend lernen, gleichsam die Zukunft zu unserer Vergangenheit machend, sind auch wir cool und schamanenhaft bunt geworden. So sind wir Wütende und Coole zugleich.

Die dies erfahren haben und nicht hinnehmen wollten, nannten sich zuerst die zornigen jungen, später die zornigen alten Männer. Sie wollten den Tiger reiten. Aber kann Zorn Wut in Zaum halten; soll der Teufel den Beelzebub austreiben?