Den achtzigsten Jahrestag der englisch-französischen Entente cordiale zu feiern, war Präsident François Mitterrand nach London gekommen. Der "Test"-Versuch eines seiner eigenen Sicherheitsbeamten verdarb die Show. Die beiden im Garten des französischen Botschafters versteckten Mini-Sprengsätze hätten zwar selbst dann kaum viel angerichtet, wenn die Zünder nicht gefehlt hätten. Aber die Druckwellen dieser Un-Explosion zerbrachen viel diplomatisches Porzellan.

Die wahrscheinlich lange zuvor geplante Aktion, mit der die Wachsamkeit der Schnüffelhunde von Scotland Yard geprüft werden sollte, wurde von vielen Briten drei Wochen nach der Bombe von Brighton als unfaßliche Taktlosigkeit empfunden. Die Boulevard-Presse, in der die frogs, die (Froschschenkel essenden) Franzosen, keinen hohen Stellenwert genießen, machte den Eindruck, sie warte nur auf ein Stichwort, um zum Boykott von Roquefort und Bordeaux, wenn nicht gerade zur Blockade von Calais und Boulogne aufzurufen.

Der peinlich berührte Staatsgast mag nach seiner Heimkehr ein olympisches Donnerwetter losgelassen haben. In London aber mochte er seine Wachmannschaft ungern desavouieren. Die Pariser Behörden behaupten zudem, das sei alles abgesprochen gewesen, man begreife überhaupt nicht die Aufregung der Kollegen von der Insel. Diese wiederum, schmerzlich betroffen, weil ihre Schäferhunde und Labradors zwar diesen kleinen Streich ausspüren konnten, nicht aber die scharfe Bombe im Hotel von Frau Thatcher, machen nicht den ertappten "Tester" verantwortlich, sondern dessen Vorgesetzte. "Wer die Wahrheit spricht", entschied die Neue Zürcher Zeitung, "läßt sich nicht sagen." Man bemerkte aber das eigentlich Unerhörte des Vorfalls: Daß da unter verbündeten Staaten ein Sicherheitsdienst den anderen bloßstellte.

So geht es, wenn man längst vergangene Imperialistenbündnisse feiern will. Nichts anderes war jene Entente cordiale von 1904: Läßt du mir Ägypten, darfst du Marokko behalten. Schon ihre Vorläuferin, die Absprache von 1836, die ebenso genannt worden war, hatte der Interessenabgrenzung gegolten: Da ging es um Belgien, Spanien und Portugal. Damals hieß der französische Botschafter in London Talleyrand. Bei dem wäre die Panne wohl nicht passiert, auch wenn sein Staatscnef, der dicke Bürgerkönig Louis Philippe, sicher kaum weniger zu fürchten hatte als jeder scharf bewachte Präsident von heute.

Karlheinz Wocker (London)