Ja, darf der Siegfried das: den Autoren seines Verlages Konkurrenz machen? In dem allmählich auf Lexikonformat anschwellenden Buch, das die Bücher von Autoren des Suhrkamp Verlages registriert, gibt es manche Frau, manchen Mann, die uns mit wenigen Büchern, ja oft mit einem, lieb und unvergeßlich geworden sind. Wie viele Titel von Büchern, Vorworten, Reden finden wir im "Verzeichnis der Veröffentlichungen Siegfried Unselds", das zum 60. Geburtstag des Verlegers von Suhrkamp und Insel am 28. September 1984 erschienen ist? Hätten Sie’s gewußt? 300.

Die Liste beginnt, wie es sich für einen Studenten der Nachkriegszeit gehört, mit der Dissertation (bei Friedrich Beißner in Tübingen, 1951): "Hermann Hesses Anschauung vom Beruf des Dichters." Aber schon 1946 hat der gerade aus dem Krieg Heimgekehrte über "Bernard Shaw und seine Friedenspolitik" geschrieben. Und man kennt nur Sieg-, nicht auch -fried, ehe man nicht weiß, daß der im Süddeutschen geborene und aufgewachsene Büchermensch sich an die Maschine setzt, um auch darüber zu schreiben: "Glückliche Stunden mit Kutteln."

Glückliche Stunden erlebt, wer das Buch liest, das Unselds Autoren ihm zum Geburtstag geschrieben haben. Man entdeckt die in ihrer Kargheit beredten fünf handschriftlichen Zeilen, die Samuel Beckett von der Seine an den Main schickt, eine lustige Zeichnung von Einar Schleef und viele seltsame Erinnerungen berühmter Schriftsteller. "Wie er mich nervte, wenn er, statt zu wandern und zu schauen, wieder die Idee einer neuen Buchreihe entwickelte", schreibt Max Frisch – und schließt mit dem Bekenntnis: "Ich möchte in keinem andern Verlag sein." Auf den Spuren der Etymologie naht Thomas Bernhard (ein Beinahe-Todes-Unglück mit dem Verleger nicht verschweigend): "Unseld, denke ich, ein Name, der alles, nur kein Glück bringen kann! Mir hat er Glück gebracht!" Was steuert der Hymniker des Todes, Cioran, bei? Er schwärmt von der "ansteckenden und unwiderstehlichen Vitalität" seines Verlegers. In zwei Büchern ist, mit herrlich hintersinnig liebevoll boshaften Texten Martin Walser dabei, über die leid- und freudvolle Intimität der "Verleger-Autor-Ehe".

Wer etwas vom Erfolg dieses Verlegers verstehen will, lese Unselds Dankrede bei der Verleihung des Ricarda-Huch-Preises. Wieviel kinderhaft schöne Naivität hat sich in der blasierten Welt von Autoren und Verlegern ein Mann bewahrt, der im ersten Satz bekennt: "Vor Ihnen steht ein glücklicher Mensch." R. M.

"Der Verleger und seine Autoren – Siegfried Unseld zum sechzigsten Geburtstag"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1984; 245 S., 24,– DM

"Verzeichnis der Veröffentlichungen Siegfried Unselds 1951 bis 1983 – zum 28. September 1984"; Suhrkamp 1984; 95 S., 20,– DM

"Ricarda-Huch-Preis – Reden zur Preis-Verleihung am 14. Juni 1984 an Siegfried Unseld", herausgegeben vom Magistrat der Stadt Darmstadt; Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 1984; 46 S.; zu beziehen über das Kulturdezernat der Stadt Darmstadt.