Im Kaukasischen Kreidekreis findet der Kampf ums Kind ein glückliches Ende. Aber ob das Kind auch diesmal nicht zerrissen wird? Zerrissen zwischen Kinderärzten, Kinderneurologen, Kinder- und Jugendpsychiatern, Kinderpsychologen?

"Das Zuständigkeitsgerangel steht immer noch viel zu sehr im Rampenlicht", mahnt zwar der Bonner Kinderneurologe Professor Hans-Georg Schlack, und sein Tübinger Kollege, der Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp, versucht zu beschwichtigen: "Revierkämpfe sind unangemessen, ja peinlich und abwegig." Aber dennoch zog sich der Streit ums Kind wie ein roter Faden durch die Bestandsaufnahme der Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu der die "Aktion Psychisch Kranke" kürzlich nach Bonn geladen hatte.

Das Gerangel erscheint um so bizarrer, als es an Klientel wahrlich nicht mangelt: Zweieinhalb Millionen psychisch auffällige und kranke Kinder leben nach groben Schätzungen in der Bundesrepublik. Etwa jedes fünfte Schulkind leidet unter Störungen im Verhalten und Erleben oder unter Lernstörungen, die zumindest abgeklärt werden sollten. Etwa jedes dritte dieser Kinder brauchte eigentlich eine intensive Behandlung. Und: Jährlich versuchen in der Bundesrepublik 14 000 Kinder, sich das Leben zu nehmen.

Viele betroffene Kinder und ihre Familien bekommen keine angemessene fachliche Betreuung. Ein krasses Mißverhältnis zwischen dem Bestand an kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen und der Fülle ihrer Aufgaben hatten die Verfasser der Psychiatrie-Enquete 1974 konstatiert. In Bonn, Mitte Oktober 1984, waren sich die Experten einig: Dieses Mißverhältnis besteht noch.

Warum streiten sich die betroffenen Fachleute dann um Kompetenzen, anstatt gemeinsam Notstrategien zu erdenken? Zum einen steht eine der beteiligten Berufssparten, die der Kinderärzte, offensichtlich noch unter dem Schock des "Pillenknicks". Um gute vierzig Prozent ist die Geburtenrate Anfang der siebziger Jahre zurückgegangen. Und jetzt haben manche Kinderärzte Angst, auch noch einen Teil der rar gewordenen Patienten an ein ganz junges Fachgebiet zu verlieren: die Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Zum anderen tun sich die Kinder- und Jugendpsychiater mit der Abgrenzung zu den Nachbardisziplinen nicht gerade leicht. Sie können sich damit auch nicht leicht tun. Denn bei Kindern ist es noch schwieriger (und fataler) als bei Erwachsenen, einen Teil der Person herauszugreifen und isoliert zu behandeln. Lempp formuliert das so: "Bei einem in der Entwicklung befindlichen Kind muß sich eine Störung, Behinderung oder Beeinträchtigung in einem Teilbereich immer auf alle übrigen Entwicklungsbereiche auswirken." Bauchweh und Trauer hängen eben oft eng zusammen.

Ein Kind läßt sich nicht in Bauteile für die verschiedenen Fachärzte zerlegen. Auch die Grenzen zwischen gesund, gestört und krank, zwischen "normal" und "unnormal" sind bei Kindern fließend – meist noch offensichtlicher als bei Erwachsenen. Therapie und Erziehung gehen ebenfalls oft unmerklich ineinander über. Es kann also auch keine klare Abgrenzung (wohl aber eine enge Zusammenarbeit) zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Klinischer Psychologie und Sozialpädagogik geben. Dennoch entbrennt der standespolitische Streit ums Kind nur um so heftiger. Dabei könnten gerade aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie Impulse für eine Zusammenarbeit der Disziplinen und für eine Besinnung auf eine ganzheitliche Medizin kommen. Immerhin gab es ein paar solche Impulse auch in Bonn.