Premiere nach fünfzig Jahren: Ernst Kreneks "Karl V."

Von Josef Schöndorfer

Die Geschicke der Wiener Staatsoper stehen in Österreich bekanntlich allzeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Vor allem dann, wenn ein international gefragter Star-Dirigent es unternimmt, eben diese Geschicke für einige Zeit nach seinen Vorstellungen zu lenken, ist des Beobachtens, Anteilnehmens und Kommentierens kein Ende.

Zu Zeiten, als Karl Böhm oder Herbert von Karajan als Operndirektoren fungierten, hat man bereits feststellen können, wie gefährlich hoch die Emotionen von Publikum und Presse aufwallen können. Über den kleinsten Kleinigkeiten vergessen dann oft recht wichtige Persönlichkeiten, was sich gehört, und sind bereit, einander – wenn auch nur verbal – die Köpfe einzuschlagen. In den letzten Jahren der Ära Karajan konnte die Frage, ob überhaupt und wenn ja, welcher Souffleur bei "La Boheme" in seinem Kasten sitzen soll, zu einem Problem von fast innenpolitischer Bedeutung werden.

Das mag für außerösterreichische Betrachter unglaubwürdig klingen, ist aber die pure Wahrheit. Zur Beruhigung hat man in der Zeit nach Karajan einige sogenannte "Nur-Manager" zum Operndirektor gemacht. Dann war es an der Zeit, einen Dirigenten zu bestellen, um dem Haus wieder zu altem Glanz zu verhelfen.

In Lorin Maazel hatte man dafür einen Mann gefunden, der aus den verschiedensten – nicht unbedingt sachlichen – Gründen vielen Beobachtern der "Szene" ein Dorn im Auge war. Schon anläßlich seiner früheren Auftritte als Dirigent haben die Kommentatoren Maazel nicht nur mit Lob überhäuft. Bevor er noch als Direktor in die Staatsoper einziehen konnte, dürfte für so manchen Beobachter festgestanden haben, daß der ungeliebte Star so schnell wie möglich wieder aus Wien vertrieben werden müsse.

Also bombardierten vom Tage des Amtsantritts an Maazels Gegner die Öffentlichkeit mit Berichten über die angeblich miserable Qualität der Opernaufführungen, legten dem Direktor großspurige Äußerungen in den Mund, die dieser so nie verlauten ließ, und versäumten insgesamt keine Gelegenheit, Maazel "unmöglich" zu machen.