Von Carl-Christian Kaiser

Der unmittelbar Betroffene ist am aufrichtigsten. Begeistert zeigt sich Philipp Jenninger nicht, wenn er daran denkt, daß er vom kommenden Montag an statt im Kanzleramt auf dem Stuhl des Bundestagspräsidenten sitzen wird: Das habe ihn denn doch etwas kalt erwischt. "Ich stelle mich der Pflicht."

Das ist die schiere Wahrheit. Ein Kandidat mußte her, nicht egal wer, aber so schnell wie möglich, sollte die von Rainer Barzel heraufbeschworene neue Krise nicht noch länger dauern. Hätten die Grünen nicht Einspruch gegen die unziemliche Eile erhoben, wären nicht Wochenendtermine der Parlamentarier ins Rutschen gekommen, dann hätte die Union Philipp Jenninger schon am Nachmittag des vergangenen Freitag zum neuen Präsidenten wählen lassen.

Die offenkundige Verlegenheit hindert Gesundbeter und Schönredner nicht, die schnelle Entscheidung als Beweis für den Personenfundus zu preisen, über den CDU und CSU für alle Gelegenheiten verfügten. Personen gab es, aber nicht unbedingt einen Fundus, aus dem sie Nachfolger im Dutzend hätten schöpfen können. Alfred Dregger sagte sofort nein; er will auf dem Platz des Fraktionsvorsitzenden an der Macht teilhaben. Paul Mikat, für Eingeweihte eine überzeugende Figur, winkte ab, weil er es als schlimmen Stilbruch empfunden hätte, ausgerechnet jenes Amt anzutreten, das aufzugeben er seinem Freund Rainer Barzel gerade geraten hatte. Auch steht es wohl mit seiner Gesundheit nicht zum besten, und in der Fraktion wußten viele mit dem Namen des stillen Vermittlers in mancher heiklen Sache, der auf Rampenlicht auch nicht bedacht ist, kaum etwas anzufangen.

Heinrich Windelen, der andere anfängliche Favorit, mochte sein Ministeramt für Innerdeutsche Angelegenheiten nicht missen. Überdies führte die neurotische Furcht vor Franz Josef Strauß zu dem Einwand, jegliche Kabinettsumbildung könnte dem Bayern wieder Gelegenheit geben, den Fuß in die Bonner Tür zu stellen. Und was schließlich Werner Marx betrifft, den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, oder Benno Erhard, gerade seit einem Jahr Parlamentarischer Staatssekretär im? Justizressort, oder Friedrich Vogel, den für die Bund-Länder-Beziehungen zuständigen Staatsminister im Kanzleramt, so steht dahin, ob sie von seriöser Überlegung oder mehr von freischweifender Phantasie aufs Kandidatenkarussell gesetzt worden waren.

In Wahrheit also war jene Runde aus Würdenträgern und wichtigen Abgeordneten der Unionsfraktion ziemlich ratlos, die am Donnerstag abend vergangener Woche beim Kanzler zusammensaß, um einen neuen Parlamentspräsidenten zu finden. War es Johannes Gersters eigene Eingebung, als er auf Jenninger deutete? Oder nahm der Vormann der rheinland-pfälzischen und saarländischen Abgeordneten eine Absicht auf, die Helmut Kohl selber, nach außen hin zurückhaltend bei der Kandidatensuche, verfolgt hat? Das ist offen. Aber von dieser Abendstunde an war Philipp Jenninger der zweite Mann im Staat.

Wenn er das Kanzleramt alles andere als leichten Herzens verläßt, dann in erster Linie deshalb, weil er an seiner Aufgabe Feuer gefangen hatte, die immer wieder vertrackten Kapitel der Bonner Deutschlandpolitik fortzuschreiben, als Koordinator und Pragmatiker, im ganzen eine Erfolgsbilanz. Das zeigt sich vor allem daran, daß, mit Ausnahme der Grünen, die Parteiengemeinsamkeit auf diesem Feld erhalten geblieben ist, trotz mancher tagespolitischer Scharmützel. Auch hier, auf einem für ihn neuen Gebiet, hat sich Philipp Jenninger als behutsamer Realist erwiesen – behutsam, aber konsequent auch gegenüber jenen hardlinern in den eigenen Reihen, die sich von der "Wende" Gelegenheit erhofften, die DDR wieder Mores zu lehren. Er hat nichts davon gehalten, "gleich den ganzen Koffer mit Grundsätzen auszuschütten", was ihn bewegte, war praktische Hilfe für die Menschen im geteilten Land.