/ Von Katharina Zimmer

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, die von nichts wissen, wachsen auf und sterben": Im neuen Großklinikum von Münster, dessen Flughafenatmosphäre kein Gefühl von Geborgenheit aufkommen läßt, begegne, ich einem etwa 13jährigen Mädchen. Blaß, mit tiefen, verschatteten Augen, dunkelvioletten Lippen, eine Mütze über dem haarlosen Kopf, kommt sie mir, von ihren Eltern gestützt, entgegen. Matt lehnt sie ihre Wange an die Schulter des Vaters. Ihr Blick ist nicht unwissend. Er erschreckt mich. Ich sehe, dieses Mädchen weiß, was es erwartet. Die Tortur der Chemotherapie läßt sie, wie viele krebskranke Kinder, freiwillig, wenn auch widerstrebend und voller Angst, über sich ergeben. Sie wächst nicht einfach auf wie andere. Sie muß darum kämpfen, aufwachsen zu dürfen. Und sie weiß nicht, wie der Kampf ausgeht.

Ihre Chancen zu siegen, zu überleben, haben sich in den letzten Jahren fast verdoppelt. Während die Zahl der an Krebs neu erkrankenden Kinder (unter 15 Jahren) konstant geblieben ist – sie beträgt etwa 1300 pro Jahr –, ist die Zahl der Heilungserfolge seit 15 Jahren von 30 bis 40 Prozent auf 65 bis 70 Prozent gestiegen. Vor allem die an Leukämie Erkrankten haben heute sehr viel bessere Aussichten auf Heilung als noch vor einigen Jahren.

Dieser Erfolg der Medizin war nur möglich, weil dort, wo geforscht wird, zugleich auch die Erfahrungen mit vielen Patienten gesammelt werden: in den Universitätskliniken. Sie sind heute die Zentren, die sowohl über das medizinische "Know-how", als auch über die modernsten Einrichtungen verfügen, und sie können auf all die anderen Abteilungen zurückgreifen, deren Mithilfe bei der Behandlung notwendig ist. Da die aggressive Krebstherapie mit Medikamenten und Strahlen nicht nur massiv auf die bösartigen Zellen, sondern auf den ganzen Körper mit allen seinen Organen und Funktionen einwirkt und ihn bis an die Grenze der Lebensfähigkeit belastet und schwächt, müssen Spezialisten und Fachabteilungen für alle sekundär auftretenden Störungen und Infektionen immer erreichbar sein. In den Universitätskliniken finden sich heute – zu stationärer oder ambulanter Behandlung – alle Kinder ein, die schwer an Krebs erkrankt sind.

Ich folge dem Mädchen und seinen Eltern in die Station für "pädiatrische Onkologie". Nichts mehr von der technischen Kühle. Fast erstaunt schaut man in die Runde der im Dreiviertelkreis um ein Arbeitszentrum der Krankenschwestern herum angelegten Krankenzimmer. Auf bunten Tafeln sind in großen Buchstaben die Namen der Kinder zusammengefügt. Durch Fenster in den Wänden und offene Türen schaut man in alle Zimmer. Die Station hat trotz Metall und Beton etwas von einem Nest. Niemand ist allein. Und das ist gut so. Es ist notwendig.

Hinter einer der offenen Türen sehe ich viele weiße Gestalten um ein Bett versammelt. Dann zerschneidet ein Schrei die gedämpfte Ruhe, markerschütternd, verzweifelt, laut und rauh aus voller Brust wie der eines gequälten Tieres, ein Schrei, der kein Ende zu nehmen scheint. Mir zittern die Knie, ich fühle mich elend, übel, erschüttert, voller Angst. Und ich kann kaum sprechen, als ich Minuten später Professor Günther Schellong, den Leiter der Station, nach diesem Kind frage, das ich gar nicht zu Gesicht bekommen habe. Ein besonders tapferer Junge sei das, zehn Jahre alt, erfahre ich, dem ein Bein amputiert werden mußte und der nun wieder einmal seine Chemotherapie bekommt.

"Das Schlimmste ist die Übelkeit. Manche erbrechen 20- bis 30mal hintereinander", erklärt mir der Professor. Die Behandlung sei so belastend für die Kinder, daß manche sogar "tätlich werden". "Aber", fügt er hinzu, "diejenigen, die sich stark wehren, verarbeiten ihre Probleme oft schneller." Gerade der Zehnjährige, der sich so gegen die Chemotherapie auflehnt, komme besser mit seiner Krankheit und seiner Amputation zurecht als viele andere, die ihren Kummer und ihre Angst still in sich hineinfressen. Er sei auch – in den Zeiten zwischen seinen Behandlungen – in der Schule weiterhin voll integriert und auch anerkannt.