Von Hans Otto Eglau

Alain Gomez, Chef des staatseigenen französischen Elektrokonzerns Thomson-Brandt, ist der Geduldsfaden gerissen: Um bei der im März vergangenen Jahres von AEG übernommenen Telefunken Fernseh- und Radio GmbH in Hannover endlich ungestört durchgreifen zu können, ordnete er den Rausschmiß gleich des gesamten deutschen Vorstandes an. Mit dieser Direktive seines höchsten Herren ausgestattet, reiste Telefunken-Aufsichtsratschef Bernard Gilliot und sein in der Pariser Thomson-Zentrale für die Sparte Unterhaltungselektronik zuständiger Vorgesetzter Jacques Fayard zusammen mit einem Spezialistentroß Anfang letzter Woche zur entscheidenden Runde in der Telefunken-Verwaltung an.

Telefunken-Hausherr Josef Stoffels, 1979 von Grundig zur damaligen AEG-Tochter übergewechselter Vorstandschef, hatte sich über den Ernst der Lage keine Illusionen gemacht. Seit längerem schon drängten die Franzosen den Telefunken-Chef, einen Beherrschungsvertrag zu unterschreiben, der ihnen auf Kosten der deutschen Geschäftsführung alle wesentlichen Vollmachten garantieren würde.

Standhaft hatten sich Stoffels und seine beiden Vorstandskollegen Herbert Leinauer (Produktion) und Manfred Haberstroh (Finanzen) bislang jedoch geweigert, die Rolle von Statisten zu übernehmen. Als sie sich letzte Woche abermals sperrten, fackelte die Thomson-Truppe nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen beraumten sie eine Aufsichtsratssitzung an. Tagesordnungspunkt 1: Abberufung des Vorstandes. Punkt 2: Wahl eines neuen Vorstandes. Punkt 3: Wahl des Vorsitzenden des Aufsichtsrates.

Ganz so reibungslos, wie sie gehofft hatten, kamen die Abgesandten allerdings nicht zum Ziel. Weil Ratschef Gilliot versäumt hatte, den Mitgliedern des obersten Kontrollzirkels die Tagesordnung rechtzeitig zuzustellen, verlegten die Arbeitnehmervertreter mit Hilfe juristischer Einsprüche den Franzosen, erst einmal den Weg.

Die so gewonnene Schonfrist nutzte der zum Abschuß freigegebene Stoffels, um in einer bis Donnerstagfruh drei Uhr dauernden Nachtsitzung mit den Herren aus Paris die Modalitäten einer Vertragsauflösung auszuhandeln. Dem 57jährigen Telefunken-Chef ist damit ein sorgloser Vorruhestand garantiert. Schon am Mittwoch dieser Woche wird Stoffels dem bis zu einer regulären Vorstandswahl als Alleingeschäftsführer amtierenden Aufpasser Gilliot die Chefetage überlassen.

Den Führungswechsel in Hannover erzwangen die Thomson-Brandt-Manager just in einem Augenblick, in dem für die über dreitausend Telefunken-Mitarbeiter nach langen Verlustjahren und harter Schrumpfkur endlich wieder Land in Sicht ist. Nach einem ersten Gewinn von acht Millionen Mark im vergangenen Jahr rechnete das Unternehmen 1984 gar mit einem positiven Ergebnis von vierzig Millionen.