Verkehrssünder im Auge behalten soll jeder Wachtmeister. Manche aber können mehr – erziehen nämlich.

Er ist so anders als seine Kollegen. Ein strikter Einzelgänger, der seine Pflicht besonders genau nimmt. Mit Vorliebe, nein, in Sonderheit steht er an besonders gefährlichen Brennpunkten des Straßenverkehrs, um durch seine bloße Anwesenheit Unfälle zu verhüten und zu erhöhter Aufmerksamkeit aufzufordern: wenn sich die Vorfahrt anders regelt als bisher, ein Zebrastreifen frisch aufgemalt wurde, eine Baustelle die Fahrspur verengt. Da hebt er, immer mit einem aufmunternden Lächeln gratis dazu, den Zeigefinger und ruft (allerdings so, daß es die Autofahrer selten hören): Achtung!

Seine Vorgesetzten und die Einsatzleiter bei der Polizei schätzen ihn als besonders angenehmen, da fleißigen und niemals nörgelnden Untergebenen: eine Art Super-Beamter. Stumm nimmt er jeden Einsatzort an, selbst wenn der ihn nervtötendem Dauerlärm oder ärgstem Schmuddelwetter aussetzt. Wird er versetzt, meist nach 14 Tagen schon, nimmt er dies in stoischer Gelassenheit hin. Urlaub, Krankheit? Nie gehört. Sein Motto lautet: Allzeit bereit, er steht prinzipiell zur Verfügung. Welcher Familienvater unter den Kollegen auf der Wache ist dazu schon bereit? Unnötig hinzuzufügen, daß unser Freund und Helfer mit Politik wenig im Sinn hat – der Gewerkschaft der Polizei gehört er natürlich nicht an.

Statt dessen ist er Mitglied einer Spezialeinheit, die doch immerhin 245 Mann zählt. Doch hören wir Klagen der Hamburger Polizei, daß jährlich 30 dieser mustergültigen Hüter der Straßenverkehrsordnung als verschollen gemeldet werden müssen. Das überrascht: Sich einfach aus dem Staube zu machen, sieht ihnen nach allem, was wir wissen, überhaupt nicht ähnlich. Nein, diesen unbestechlichen Staatsdiener schließen manche Bürger so ins Herz, daß sie ihn abwerben, entführen, mit nach Hause nehmen. Menschenraub? Ach nein – nur Diebstahl unter erschwerenden Umständen. Denn: Der vorgeführte Polizist ist gar kein echter, sondern aus Blech (früher gar Pappmache), akkurat bemalt mit einer detailgetreuen Uniform. Das Lächeln, die Mütze, die Bügelfalte: aus einem Guß, aber alles falsch, hergestellt übrigens von Häftlingen der Strafanstalt Neuengamme.

Wie Strafgefangenen zumute ist, die da Tag für Tag für einen müden Stundenlohn einen Polizisten (Stückpreis: 265 Mark) bauen dürfen, soll hier nicht weiter verfolgt werden. Mehr Beachtung verdient vielleicht doch die offizielle Bezeichnung dieses Phänomens im Zeichen staatlicher Personaleinsparung: "Verkehrserziehungsfiguren" heißen die Pseudo-Polizisten. Wer von ihnen ins Bockshorn gejagt wurde, muß eingestehen, daß die Stellvertreter zweifellos in der Lage sind, die staatliche Autorität einen Moment lang wirkungsvoll zu verteidigen. Denn auch wenn der vermeintliche Zuschnellfanrer, Vorfahrtpreller oder Schläfer am Steuer nach einer Schrecksekunde erleichtert erkennt: "Da steht ja gar kein echter", folgt zumeist der nächste Gedankenschritt. "Es hätte aber ein echter da stehen können!"

Dieser Erkenntnisprozeß verdichtete sich, so rekonstruieren wir, in der Terminologie der Polizei zum Begriff "Erziehung", und hier sollten wir einhaken. Wissen wir nicht aus Märchen wie dem von der chinesischen Nachtigall oder Brentanos "Gockel, Hinkel und Gackeleia", daß Kunstfiguren alles, was von ihnen erwartet wird, sehr viel störungsfreier und zuverlässiger ausführen als schwache Menschen aus Fleisch und Blut? Es ist deshalb gar nicht einzusehen, daß derartige "Erziehungsfiguren" nur im Straßenverkehr und nur im Norden Deutschlands zum Einsatz kommen: Mehr von den Stellvertretern, und die teuren Videokameras, die überall Straßen, anonyme Kreuzungen, Bankschalter und Firmeneingänge mit einem Netz der Blicke überziehen, wären längst überflüssig.

Und überdies: Gibt es nicht Anlaß genug zur Forderung, alle Beamten (vielleicht sogar: Politiker) durch pflegeleichte, viel billigere Metallmänner zu ersetzen? Schließlich können diese zuverlässigen Gestalten doch nur den Zeigefinger hoch, niemals aber die Hand aufhalten. Ein Beitrag dazu, daß dieses Land wieder in Ordnung kommt, wäre geleistet. Anna v. Münchhausen