Die ersten Betriebsvereinbarungen beweisen: Die Praktiker lassen sich von den Ideologen nicht unterkriegen.

Der Vergleich mit einem Boxkampf drängt sich geradezu auf: Nachdem den beiden Tarifvertragsparteien während des wochenlangen Arbeitskampfes kein K.-o.-Sieg gelungen ist, versuchen sie jetzt bei der praktischen Umsetzung des Kompromisses über die Arbeitszeit wenigstens noch einen Punktsieg zu erringen: Wer kann die meisten Betriebe auf seine Seite ziehen?

Gesamtmetall will möglichst viele Unternehmen dafür gewinnen, keine generelle Arbeitszeitverkürzung einzuführen. Und obwohl die Arbeitgeber das Thema "flexible Arbeitszeit" erst relativ spät entdeckt haben, versteht der Verband die Flexibilisierung jetzt als den eigentlichen Preis für sein Zugeständnis bei der Kürzung der wöchentlichen Regelarbeitszeit auf 38,5 Stunden. Führende Funktionäre der IG Metall dagegen lassen kaum einen Tag vergehen, ohne auf eine generelle und schematische Verkürzung der Arbeitszeit zu drängen. Während Vertreter von Gesamtmetall immer wieder versichern, daß in der großen Mehrzahl der Betriebe an Lösungen für eine flexible Arbeitszeit gebastelt werde, wird die IG Metall nicht müde darauf hinzuweisen, daß in den meisten Fällen weder das Management noch gar die Beschäftigten daran das geringste Interesse hätten.

Wer recht hat, werden wir spätestens am 1. April nächsten Jahres wissen, denn von diesem Tag an muß in allen Unternehmen der Metallindustrie die neue Arbeitszeit praktiziert werden. Bis dahin werden die beiden Streithähne versuchen, "Abtrünnige" wieder auf Verbandslinie zu bringen.

Die erste bekannt gewordene Betriebsvereinbarung kann allerdings keine Seite als Punkt für sich verbuchen, denn bei Graetz in Bochum, einer Tochtergesellschaft von Standard Elektrik Lorenz (SEL) wurde eine geradezu salomonische Lösung gefunden: Vom 1. Januar bis zu den Betriebsferien arbeiten alle nur 38,5 Stunden und gehen jeden Tag etwas früher als bisher nach Hause; nach dem Urlaub werden dagegen vierzig Stunden in der Woche gearbeitet; zum Ausgleich werden drei zusätzliche freie Tage zu Weihnachten eingeführt.

Was auf den ersten Blick so aussieht, als wolle man es beiden Seiten recht machen, ist alles andere als eine den Funktionären zum Wohlgefallen ersonnene Lösung. Betriebsrat und Management haben getan, was in allen Unternehmen getan werden sollte: pragmatisch nach einer Vereinbarung suchen, die der besonderen Situation des Betriebes und seiner Mitarbeiter entspricht. Bei Graetz arbeiten überwiegend Frauen, die zum größten Teil mit Werkbussen zum Arbeitsplatz gebracht werden. Deshalb und wegen der Bandarbeit sind individuelle Arbeitszeiten nicht praktikabel. Da die meisten Frauen Familien zu versorgen haben, wollen sie möglichst früh nach Hause.

Das läßt sich im ersten Halbjahr auch aus der Sicht des Betriebes gut einrichten, weil in dieser Zeit aus saisonalen Gründen weniger zu tun ist. Nach der Sommerpause dagegen ist wegen des Weihnachtsgeschäfts Hochbetrieb, eine 40-Stunden-Woche also sinnvoll – und für die Mitarbeiter der Ausgleich durch einen Extraurlaub zu Weihnachten eine angenehme Neuerung.