West-Berlin

Berlin ist eine Stadt, die es liebt, sich als weltoffen und liberal darzustellen. Gepflegt wird dieses schöne Bild nicht zuletzt von den Berliner Zeitungen und Sendern. Von Journalisten organisiert, ist die Berliner Pressekonferenz 1918 gegründet, 1950 wiederbelebt worden, mit dem einzigen Zweck, Pressekonferenzen zu veranstalten. Als nun – 1984 – ein paar unbequeme oder auch nur unkonventionelle Zeitungen um Aufnahme in diese Organisation baten, war es mit der Liberalität und der Weltoffenheit nicht mehr weit her.

Den Magazinen tip (Auflage 85 000) und Zitty (53 000), längst keine Szene-Zeitschriften oder Programm-Blättchen mehr, der linken Tageszeitung taz (in Berlin 16 000) und dem SEW-Blatt Wahrheit (etwa 8000) ist der offizielle Status verwehrt worden. Offenbar wird befürchtet, die Journalisten dieser Blätter würden die Spielregeln des Gremiums mißachten, wie zum Beispiel die von Fall zu Fall vereinbarte Vertraulichkeit brechen. Aber das hätte man ja abwarten können, zumal bei Verstößen der Ausschluß möglich wäre.

Auch von "Gesinnungsterrorismus" war intern die Rede. Vor allem wird es wohl so sein, daß diese Zeitungen der etablierten Presse einfach suspekt sind, weil sie – von der Wahrheit einmal abgesehen – frischen Wind in die Zeitungslandschaft geblasen haben und Marktlücken entdeckten, die die Berliner Verlage verschlafen haben.

Fragen dürfen die Journalisten der betroffenen Blätter zwar – "Wir wollen kein Informationsmonopol", beteuert der Vorsitzende der Berliner Pressekonferenz nur Mitglied sollen sie nicht sein. In der Bonner Bundespressekonferenz ist das anders, da sind die taz und die DKP-Postille Unsere Zeit Zeitungen wie andere auch. Und die Berliner dachten immer, Bonn sei die Provinz. Joachim Nawrocki