Barzel geht, und die Politiker verdrängen ihre eigenen Schuldgefühle

Von Rolf Zundel

Bundestagspräsident Rainer Barzel ist zurückgetreten. Er konnte den Vorwurf nicht entkräften, er habe lange Jahre für den Flick-Konzern gearbeitet. Sein Rücktritt hat die Debatte über Geld und Macht erst recht angefacht. Die Union will mit harten Attacken kontern.

Die Union hat Rainer Barzel abgeworfen wie lästigen Ballast. In der Fraktionssitzung am Freitag reichte es gerade noch zu einer Art Pflichtverteidigung durch den Vorsitzenden Dregger – zum protokollarischen Minimum für einen Mann, der immerhin wichtige, dramatische Jahre der deutschen Politik als Fraktions- und Parteivorsitzender, dann als Kanzlerkandidat der Union mitgestaltet hatte und der nach seinem Scheitern in einem langen, mühsamen Comeback wieder den Weg nach oben gefunden hatte – in ein Ministeramt und schließlich auf den Platz des Bundestagspräsidenten.

"Rainer Barzel bleibt auch in dieser schweren Stunde in unserer Gemeinschaft", verkündete Alfred Dregger. In einer donnernden Ovation für den designierten neuen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger beendete die Fraktion diese schwere Stunde – und nahm auf ihre Weise Abschied von einem Ungeliebten. Sie begrub die Erinnerungen an die quälenden letzten Tage, redete von der Qualität anderer Männer. Es gab viel Lob für Richard Stücklen – mit ihm und der CSU, die ihn als Nachfolger Barzels vorgeschlagen hatte, muß der Kanzler ja noch rechnen; und es gab viele preisende Reden über die menschlichen und politischen Qualitäten Jenningers. Vor allem aber war ein Signal zu hören: Attacke. Jetzt müsse die Union in die Offensive gehen, forderte der Kanzler in vielen Variationen. Ein wenig klang’s wie: Über Gräber vorwärts!

Ironie der Geschichte: Rainer Barzel, der ein politischer Könner war, der sich der Funktionsweisen der Politik, der Machtmechanik ja selber auf exzellente Weise bedient, der die Notwendigkeiten der Darstellung nach außen, die Formen und die Formeln beherrscht hatte, vermochte nicht zu erkennen, daß er die Formen verletzt hatte, die neuen Notwendigkeiten, die Machtmechanik störte. Die Union, wie andere Parteien mit Spenden-Affären belastet, überdies unter dem Verdacht leidend, zu enge, zu osmotische Beziehungen zu Wirtschaft und Kapital eingegangen zu sein – und für diese Beziehungen in ihrer unerträglichen Form war der Name Flick zum Symbol geworden –, hatte ihre Solidarität erschöpft. Sie konnte es nicht ertragen, daß einer ihrer Prominenten verdächtigt wurde, eine lukrative geschäftliche Verbindung mit diesem Hause, sei es auch indirekt, eingegangen zu sein. Sie mußte, um sich selber mit einiger Aussicht auf Erfolg verteidigen zu können, Barzel fallen lassen. Die Front mußte begradigt werden – auf Kosten von Barzel.

Auf verlorenem Posten