Die goldenen Gegenstände, die in mythischer Urzeit vom Himmel herab in das Land der Skythen gefallen waren: ein Pflug, ein Joch, eine Streitaxt und eine Schale, umgab eine Aura des Numinosen – die skythischen Könige behüteten die nicht von Menschenhand verfertigten Geräte sorgfältig und brachten dem heiligen Gold Opfer dar, um es gnädig zu erhalten. Der Umstand übrigens, daß zu den Objekten, die die Skythen verehrten, auch ein Pflug gehörte, läßt vermuten, daß die wahrscheinlich aus Mittelasien ins nördliche Schwarzmeergebiet eingewanderten Reiternomaden sich dort bereits seßhaft fühlten.

Die archäologischen Funde haben zutage gebracht, daß der Goldglanz in der Hauptsache Gegenständen vorbehalten war, die für den Hof des Herrschers gearbeitet wurden: goldene Tierreliefs, Pferdebeschläge, Schalen, Schwertseiden, Prunkkämme kamen bei der Ausgrabung von Hügeln, in denen Könige bestattet waren, zum Vorschein. Gold hat nicht nur die früheren Steppenvölker fasziniert, es hat bis heute seine Anziehungskraft erhalten. Und so ist verständlich, daß die Münchner Staatlichen Antikensammlungen eine Ausstellung, deren Glanz keineswegs allein von dem gelben Metall ausgeht, unter dem Titel "Gold der Skythen präsentiert. Zu sehen sind wichtige Teile der Sammlung von Kunst der asiatischen Reiternomaden in der Leningrader Eremitage, einer Sammlung übrigens, deren Anfange auf die Zeit Peters des Großen zurückgehen. (Als Gegengabe hat München "Meisterwerke der Alten Pinakothek" in die Sowjetunion ausgeliehen, die – wie zuvor schon in Moskau – jetzt auch in Leningrad Besuchermassen anlocken.)

Schon die bronzezeitliche Kunst der Völker, die vor den Skythen um das Schwarze Meer siedelten, zeigt eine Vorliebe für die Tierdarstellung, die dann zum Markenzeichen skythischer Kunst wurde. Ein aus Gold getriebener liegender Hirsch mit einen höchst dekorativen und phantastisch geformten Geweih ist exemplarisch für die Mischung aus Realismus und Stilisierung in der Tierwiedergabe skythischer Künstler, die auch bestimmte formale Manierismen entwickelten – die Längung von Körper und Gliedern etwa, die zu einer Rollform führte, in der das Tier in einen Kreis eingeschlossen war – hinter denen wiederum magisch religiöse Vorstellungen zu vermuten sind.

Die Ornamentalisierung des Tieres überhaupt ist charakteristisch für diesen Stil, der auch immer wieder Anleihen macht bei der Kunst jener Länder, die das Reitervolk auf seinen räuberischen Streifzügen durchquerte. Bemerkenswert sind hier aber nicht allein die aus Gold geformten Arbeiten, sondern auch solche aus einfachen Materialien: Tiersilhouetten, aus Leder ausgeschnitten, holzgeschnitzte Tierköpfe und Tierplastiken aus Filz – der mit Moos gefüllte Schwan aus Filz gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung. (Hat nicht auch Joseph Beuys, der mit einem Stuka im Land der Skythen abstürzte, von dort seinen Filz mitgebracht?)

Im 5. Jahrhundert v. Chr. entdeckten die Skythen ihre griechischen Nachbarn, von denen sie sich Künstler ausliehen, die dann ein in der Kunst des Steppenvolkes bislang unbekanntes Wesen darstellten: den Menschen nämlich, genauer, den Skythen. Wie die Skythen aussahen und was sie anhatten, wie sie kämpften und wie sie saßen – das alles haben griechische Künstler für ihre Auftraggeber realistisch genau festgehalten. (Staatliche Antikensammlung bis zur 9. Dezember, Katalog 25 DM)

Helmut Schneider