Noto in Sizilien: Barock zwischen Mandelgärten und Meerluft

Von Bernd Gerhardsen

Er wollte "von hier aus nach Noto gehen, und von dort nach Syrakus", schrieb der Spaziergänger Johann Gottfried Seume im Frühjahr 1802 in sein Tagebuch. Er war am Ziel einer langen Fußreise von Grimma in Sachsen bis ins südlichste Sizilien. Allerdings – so notierte er – die Wege hier im äußersten Zipfel Europas seien unsichere Mauleseltriften, und selbst Seine Majestät Ferdinand IV. könne von seinem Palermo aus nur "einige Meilen nach Agrigent zu im Wagen gehen". Ansonsten müsse auch der König "einen Gaul oder sicherer einen Maulesel besteigen".

Die Reise nach Noto ist leichter geworden. S. M. der Reisende kann (wiewohl die Jetset AG Palermo auch "Sizilien zu Pferd" anbietet) in Agrigent die Eisenbahn besteigen, obgleich viele Sizilien-Karten die geschlängelte Nebenbahnlinie ganz verschweigen, die da zwischen der grünen Küste und den ewig braunen Bergen pendelt. Wir müssen auf Seumes Route – zwischen der Tempel-Metropole und dem Ziel am Ionischen Meer – mehrmals umsteigen, fünfmal die Fahrkarte vorweisen, drei Wartesäle aufsuchen, zehn politische Streitgespräche schlichten, viermal warme Reiskugeln und Bahnhofs-pizzas kaufen, warme Feigenkuchen kosten, ein Kind beaufsichtigen, von dessen Mama ein blaues Votivbild der Immacolata akzeptieren – reichlich Abenteuer für knappe 140 Kilometer Luftlinie.

"Im extremen Süden eine unvergeßliche Abenteuerreise erleben", so rät die Zeitschrift Continente Sicilia das Bahnreisen. "Besuche von Tempeln und Hainen" enmpfiehlt der antike Reiseschreiber Nymphodoros aus Syrakus. "Dort gibt’s weder Gesetze noch öffentliche Kommunikation", schreibt der kritische Homer in der "Odyssee" – als Warnung für arglose Sizilienfahrer im IX. Gesang, Verszeile 112. "Schnell, komfortabel und sieher" lobt das blaue Heftchen mit den "Principali Treni Sud".

Abfahrt von Agrigent Hbf. um 8.10 Uhr. Aus der meerwärts geneigten Ebene klettert der Zug 45 Bahnkilometer hinauf nach Canicatti. Um 9.17 Uhr Umsteigen in einer kargen Landschaft – die Felskuppen sehen aus wie hohe Stauferburgen. Kleine Landvillen ergänzen eine seltsame Geometrie: Rechteckige Feldflächen, schneeig weiß, entpuppen sich als folienbedeckte Weinfelder; ein verpacktes Gelände à la Christo, herbstgrün gerahmt.

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