Genial

"Picasso" von Henri-Georges Clouzot, 1956 gedreht und nun wieder in den bundesdeutschen Programmkinos. Ein Film, der Picassos Malerei im Moment ihres Entstehens zeigt. Picasso malt im Studio für diesen Film – im Normalformat mit Tusche, in CinemaScope mit Öl. Die Studioszenen am Anfang und Ende und zwei-, dreimal zwischendurch sind in Schwarzweiß, die Malereien in Farbe gedreht. Manchmal zeigt Clouzot jeden Pinselstrich eines Bildes. Ein andermal, besonders bei längeren Arbeiten, beschleunigt er die Zeit (durch Montage) und zeigt nur Zwischenstadien – die Entwicklung in Form oder Farbe. Seine Kamera (Claude Renoir) arbeitet dabei ohne Schnickschnack: Sie gestaltet nicht, sie protokolliert. So wird jede Linie, jeder Punkt, jede Fläche, kurz: jeder Strich, den Picasso zieht, zu einem Abenteuer. "Jeder Strich Picassos ist eine Schöpfung, die eine andere nach sich zieht, nicht wie – eine Ursache eine Wirkung mit enthält, sondern wie Leben Leben hervorbringt", schrieb André Bazin. "Was uns Clouzot endlich offenbart, ist ‚die Malerei‘, das heißt ein Bild, das in der Zeit existiert, das seine Dauer hat, sein Leben und manchmal – wie am Ende des Films – seinen Tod." Picasso spricht einmal von Bildern unter seinen Bildern: von Bildern, die er opfern mußte, um seinem Thema auf den Grund zu gehen, um seinen endgültigen Entwurf zu "finden‘". Dieses endgültige Bild ist für ihn nie nur Ergebnis von Komposition, es ist immer auch Ausdruck der Entscheidung, an einem bestimmten Punkt einfach aufzuhören. Am Ende des Films, als Picasso seinen Entwurf zu "La Plage de la Garoupe" immer und immer wieder verändert, wird Clouzot etwas ungeduldig – mit dem Hinweis auf den Zuschauer. Die Antwort des Meisters: "Um den Zuschauer habe ich mich nie gekümmert. Und in meinem Alter fange ich damit auch nicht mehr an." Nach schier endlosen Überarbeitungen des Bildes greift Picasso schließlich zu einer neuen Leinwand: "Jetzt, wo ich weiß, wohin ich will, kann ich neu beginnen." Daraufhin malt er das Bild in kürzester Zeit.

Norbert Grob

Sehenswerte Filme

"Broadway Danny Rose" von Woody Allen. "Tausend Augen" von Hans-Christoph Blumenberg. "Rumble Fish" von Francis Ford Coppola. "Repo Man" von Alex Cox. "Schiff der Träume" von Federico Fellini. "Rembetico" von Costas Ferris. "Trost" von Serif Gören. "Wo die grünen Ameisen träumen" von Werner Herzog. "Unter dem Vulkan" von John Huston. "Das Autogramm" von Peter Lilienthal. "Der süße Wahn" von Claude Miller. "Die letzte Runde" von Peter Patzak. "Klassenverhältnisse" von Jean-Marie Straub.