Der Grenzübergang Vlagtwedde, tief im Emsland, einige Kilometer hinter Dörpen, liegt abseits der deutsch-holländischen Verkehrsstränge. Wohl deshalb ist das Schmuckstück aus dem 18. Jahrhundert kaum bekannt, das jenseits der Grenzpfähle allmählich wieder in altem Glanz ersteht: die Festung Bourtange. Seit einer Reihe von Jahren werden die Wälle und Schanzen, die den Backsteinkomplex umschließen, bereits restauriert; bis zur Fertigstellung des Bollwerks können zehn weitere Jahre vergehen. Auch in der Provinz Groningen ist das Geld knapp geworden.

Wo heute die Handwerkerkolonnen an schon sehenswerten historischen Bauten werkeln, lagerten einst die Kolonnen der Soldaten. Bourtange hat eine recht kriegerische Tradition. Sie begann 1580, als Wilhelm von Oranien, der niederländische "Vater des Vaterlandes", den strategischen Wert des Platzes für die entstehende Republik in ihrem Freiheitskampf gegen die Habsburger erkannte. Er befahl den Festungsbau. Doch erst unter seinem Nachfolger, Wilhelm Ludwig von Nassau, begannen 1593 die Bauarbeiten.

Der Name "Bourtange" weist auf die Lage hin. Hier schiebt sich in das gewaltige Moor, das noch heute die Grenze zwischen Niederländern und Deutschen bildet, ein Sandrücken. Diese "Tange" bildete einst den einzigen gangbaren Paß über das unwegsame Gelände. Bauern, "Bouren", nutzten ihn über Jahrhunderte. Und dann Soldaten.

Die hatten es in jenem Jahr 1593 eilig, Gräben auszuheben. Die Provinzhauptstadt Groningen war durch Verrat an den Feind gefallen, an den spanischen Gouverneur der Habsburger, Francisco Verdugo. Von Bourtange aus wurde der Spanier belagert, vergeblich versuchte er den Durchbruch über die "Tange": 1594 mußte er sich geschlagen geben, Groningen war befreit. Und die neue Festung hatte ihren Ruf begründet, uneinnehmbar zu sein. Bereits 1665 galt es, diesem Ruf gerecht zu werden. Zwar hatten die nördlichen Provinzen der Niederlande im Westfälischen Frieden 1648 die Anerkennung als unabhängige Republik erreicht, doch nun waren sie vom Osten her bedroht.

Zweimal belagerten Deutsche die Festung Bourtange, 1665 und 1672, beide Male vergeblich. Ihr Feldherr war ausgerechnet ein Bischof. "Bombenbischof" nennen die Niederländer noch heute jenen Christoph Bernhard von Galen, der sein Bistum Münster gerne auf Kosten der Nachbarn im Westen erweitert hätte. Als er an den Wällen von Bourtange scheiterte, versuchte er den Kommandanten zu bestechen: 200 000 Gulden soll der Bischof dem Hauptmann Prott geboten haben. Der setzte 200 000 Kugeln dagegegen – und gewann die Wette.

Doch der Trutzbau wurde anschließend vernachlässigt. Erst in der Zeit zwischen 1738 und 1742 wurde Bourtange, den neueren Erkenntnissen des Festungsbaus entsprechend, ausgebaut. Und wie der Ort 1749 aufgezeichnet wurde, so sieht er jetzt fast wieder aus, so soll er aussehen, wenn die letzten Erdwälle des äußersten Verteidigungsrings in die grüne Landschaft gezogen worden sind. Man hat jetzt schon den Eindruck, in einem Freilichtmuseum zu stehen. Teils restauriert, teils wieder neu errichtet, stehen hier die einstöckigen Häuser, in denen einst Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere wohnten. Eine Windmühle ragt über die Dächer, eine Kirche duckt sich an den Wall. Und rund um den Dorfplatz stehen Linden, die angeblich vor 300 Jahren gepflanzt worden sind.

Eine Festung ist Bourtange freilich schon lange nicht mehr. Die militärtechnisch veraltete Anlage wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts privatisiert. Ein Gebäude nach dem anderen kam in den Besitz von Handwerkern, Bauern und Landarbeitern. 1851 wurde der letzte Soldat abgezogen. In der Folge verschwanden die Wälle und die meisten Bauten aus der Garnisonszeit.