Das Seminar liegt im ersten Stock eines Eckhauses, das durchaus nicht so aussieht, als würde hier Pädagogik eingeübt und Wissenschaft abverlangt. Gut 150 Referendare besuchen dieses Dortmunder Seminar zwischen dem ersten und zweiten Staatsexamen, und die meisten werden anschließend das sein, was bis 1990 schätzungsweise 70 000 Lehrer allein in Nordrhein-Westfalen sein werden: arbeitslos.

Sieben Kandidaten haben ihren Samstagmorgen geopfert, vier Frauen und drei Männer, um – je nach Temperament wütend oder selbstironisch – zu schildern, was auf sie zukommt. Illusionen haben sie längst verloren: Illusion auf eine Übernahme ins Beamtenverhältnis – oder auf Abhilfe durch die Landespolitiker – oder auf das Verständnis der Öffentlichkeit. "Von den hehren Vorstellungen ist nichts geblieben", sagt einer, die anderen nicken, und gegen Ende des Gesprächs bemerkt eine Referendarin eher beiläufig, wie wunderbar es doch das pädagogische Engagement beflügele, wenn man zittern müsse, ob der Stundenvertrag verlängert werde – oder sich irgendwo wieder eine Schwangerschafts-Vertretung ergebe.

Da ist zum Beispiel Achim H., 32 Jahre alt. Sein Ingenieur-Examen hat er 1971 abgelegt, danach mit dem Studium (Sozialwissenschaften) begonnen, mit dem Diplom 1977 abgeschlossen, ein Jahr später Examen in Geschichte und Sozialwissenschaften. Drei Jahre hat er in der Wirtschaft gearbeitet, ist dort 1980 freiwillig ausgeschieden und für zwei Jahre ins Ausland gegangen. Zum letztmöglichen Termin, laut Prüfungsordnung, hat er 1983 mit dem Referendariat angefangen und wird, aller Voraussicht nach, 1985 fertig sein.

Den gängigen Vorwurf, Lehrer seien bequem, hätten die "leichtesten" Fächer studiert und verstünden weder etwas vom realen Leben noch etwas von der Welt außerhalb ihres Schulortes, kennen alle. Natürlich fällt auf, daß kein Naturwissenschaftler unter ihnen ist, aber das muß eine Mentalitäts-, kann keine Sachfrage sein: Denn Arbeitslosigkeit droht allen Referendaren.

Achim H. ist in eine besondere Klemme geraten. Mit zwei Berufs- und Ausbildungsabschlüssen ist er dem Arbeitsamt für Schulungs-Maßnahmen überqualifiziert – übrigens auch vielen Arbeitgebern. Bricht er hingegen das Referandariat ab (und erst das zweite, das Assessor-Examen, beschließt die Ausbildung), heißt es skeptisch: "Warum haben Sie nicht fertig gemacht?" Was richtig gelesen werden muß als: "Waren Sie zu dumm oder haben Sie kein Durchhaltevermögen?" – "Das eine schadet wie das andere." Gelächter und Zustimmung.

Da ist zum Beispiel Michael St., 34 Jahre alt. Nach einer abgeschlossenen Banklehre hat er das Abitur auf dem Abendgymnasium nachgeholt. Zur Bank kann er heute nicht mehr zurück, auch nicht als Ausbilder, weil auch in dieser Branche rationalisiert und Personal eingespart wird. Er ist es nun "gestrichen leid mit der Ausbildung".

Natürlich spielt Geld eine Rolle. "Beamter auf Widerruf" zu sein, heißt: keine Altersversorgung, keine Krankenkassen-Beteiligung des Arbeitgebers; heißt: Arbeitslosenhilfe nach dem Examen, die sich beläuft auf: 56 Prozent von 50 Prozent der Eingangs(Besoldungs-)Stufe A 12, macht ungefähr 600 Mark. "Heiraten ist nicht drin", – "Kinder auch nicht", wirft eine Frau ein, – "sonst wird das Einkommen des Partners angerechnet." – "Sei vorsichtig, das gilt auch bei eheähnlichen Verhältnissen. Den Galgenhumor treibt einer auf die Spitze: "Bevor du Antrag auf Arbeitslosenhilfe stellst, rottest du am besten deine Familie aus, erst hat sie dein Studium bezahlt und jetzt muß sie dich noch über Wasser halten." Keine(r) der sieben hängt sein Herz an materielle Güter, aber das Gefühl, abhängig zu sein und zu bleiben, stimmt nicht fröhlich, so wenig wie der Gedanke, "ein Leben lang Kellner zu sein".