Von Günther Mack

Schockierende Fernsehaufnahmen aus den äthiopischen Hungergebieten haben überall in Europa Hilfsbereitschaft ausgelöst. Viele Menschen finden nach den entsetzlichen Bildern nicht in den gewohnten Alltag zurück. Wie könnte man sich auch dabei beruhigen, daß beides gleichzeitig und wenige Flugstunden entfernt nebeneinander auf diesem Globus existiert – maßloser Überfluß bei uns und maßloser Mangel dort? Was ist das für eine Welt, in der für fast jedes Problem Lösungen erdacht werden, aber keine Antwort auf die einfache Frage möglich zu sein scheint, wie wir von unserem Wohlleben wenigstens soviel abgeben können, daß Menschen in Äthiopien nicht sterben. Wir wollen helfen. Können wir helfen?

Großkatastrophen dieser Art fallen nicht vom Himmel wie Feuer und Schwefel auf Gomorrha. Sie haben ihre besondere Entstehungsgeschichte, und sie signalisieren den teilweisen Zusammenbruch eines komplizierten Versorgungssystems. Die Hilfe muß in die speziellen Strukturen der jeweiligen Katastrophe hineinpassen – oder sie vergrößert das Elend.

Äthiopien sprengt die gewohnten afrikanischen Maßstäbe im Guten wie im Schlimmen. Das Land von der fünffachen Größe der Bundesrepublik ist noch immer böse unterentwickelt. Die Begrenztheit der Transportmöglichkeiten kann man sich in Europa auch mit viel Phantasie schwer vorstellen. Die nichtstaatlichen, überwiegend kirchlichen Hilfsorganisationen in Addis Abeba trauen sich allenfalls zu, 150 000 bis 200 000 Tonnen Getreide ins Landesinnere zu schaffen – der geschätzte Mindestbedarf zur Abwendung der Hungersnot wird aber mit 600 000 Tonnen angegeben. Auch wenn die äthiopische Armee jetzt endlich und viel zu spät mehr Noteinsätze fährt und wenn die bislang kaum bezahlbaren Luftransporte einsetzen, bleibt eine entsetzliche Lücke: Nahrungsmittel können nicht verteilt werden, selbst wenn sie bis vor die Küsten Äthiopiens gelangen. Viel zu vielen Menschen kann nicht geholfen werden.

Aber es gibt kein Recht auf Resignation. Ein gut Teil der Notleidenden kann dank unserer Hilfe überleben – nur dank unserer Hilfe. Es könnten noch mehr sein, wenn Befreiungsbewegungen und Armee sich darauf verständigten, wenigstens während der Dürrekatastrophe die Blockade der wenigen Verkehrswege aufzugeben.

Die Menschen in Äthiopien sind religiös und ethnisch ein eigener Schlag, fähige Organisatoren, sensibel im Umgang mit moderner Technik. Der gegenüber manener Hilfsaktion zutreffende Einwand, zuviel kostenlose Hilfe lasse den Anreiz zur Selbstversorgung verkümmern, müßte in den äthiopischen Katastrophengebieten ohnedies wie Hohn wirken. Eine stärkere Anregung zur Produktion als die Angst, zu verhungern, gibt es nicht. Mit dieser Drohung vor Augen leben im Norden und Osten des Landes mittlerweile sieben Millionen Menschen. In den Hungerprovinzen haben 95 Prozent der Bevölkerung nie mehr gehabt als das, was sie erackern.

Das war immer riskant. Aber das System bot Sicherheitsreserven, mit denen man auch eine Dürrephase recht und schlecht überleben konnte. Aber nach mehreren Jahren der Trockenheit sind nun alle Reserven erschöpft. Und die Dürre scheint kein Ende zu nehmen. Die Hungerprovinzen waren noch vor 40 Jahren dicht bewaldet, grün und fruchtbar. Sie sind von zu vielen Menschen und zu viel Vieh buchstäblich so verwüstet worden, daß schließlich auch das gute Klima kippte.