Kein Mann der großen Sprünge

Hosni Mubarak: Sadats Nachfolger, aber nicht sein Nachahmer

Von Dietrich Strothmann

Kairo, Ende Oktober

Nicht zu Unrecht gelten die Ägypter als friedfertig, freundlich und hilfsbereit. Sie sind auch zu Witzen aufgelegt. Einer von ihnen geht so: Vor der Paßkontrolle auf dem Kairoer Flughafen sollen sich drei, ohne Papiere, durch ihr Können ausweisen – eine Bauchtänzerin, ein Sänger und der ägyptische Präsident. Die Tänzerin läßt ihren Bauchnabel kreisen – sie kann anstandslos passieren. Der Sänger trällert ein bekanntes Lied – keine Beanstandungen. "Und was können Sie?" Hosni Mubarak zuckt mit den Achseln: "Eigentlich kann ich nichts." Der Kontrolleur wundert sich nicht: "Ach, der sind Sie! Sie können durchgehen."

Witze haben einen wahren Kern. Der über den Präsidenten der nach wie vor bevölkerungsreichsten und politisch stärksten arabischen Macht ist aber nicht mehr zeitgemäß. Er mag noch vor drei Jahren gestimmt haben, als Hosni Mubarak nach der Ermordung seines Ziehvaters Anwar el Sadat gleichsam aus dem Stand die Bürde des Präsidentenamtes übernehmen mußte. Damals war er, der ewige Zweite, der weltpolitisch Namenlose, auch für die meisten Ägypter ein unbeschriebenes Blatt. Verglichen wurde er, der immer hinter Sadat, in seinem breiten Schatten gestanden hatte – wie vorher Sadat als Nassers Vizepräsident –, mit dem Werbesymbol einer bekannten französischen Käsemarke: die lachende Kuh.

Machte Anwar el Sadat einen Staatsbesuch, führte er Verhandlungen oder Gespräche, dann blieb Hosni Mubarak immer bescheiden im Hintergrund, machte sich Notizen, lächelte nur. Geredet hat er nie. Das Wort führte allein der "große Anwar el Sadat".

Von eigener Statur

Kein Mann der großen Sprünge

Nach drei Jahren im Amt des Präsidenten ist Hosni Mubarak ein anderer. Er ist ein Staatsmann von eigener Statur geworden, ein arabischer Politiker von Format, ein ägyptischer Führer besonderer Prägung – ohne Allüren, ohne Pomp, ohne Attitüden. Manche verwechseln seine kluge Vorsicht mit Zaudern, seine geschickte Zurückhaltung mit Zögern.

Tatsächlich ist Mubarak kein Mann der schnellen Sprünge. Visionen sind ihm fremd. In nichts ähnelt er seinem Lehrmeister Sadat, dem er nachfolgte, ohne ihn nachzuahmen. Noch heute legt der ehemalige Luftwaffenchef, der sich während der ersten erfolgreichen Tage des Oktoberkrieges von 1973 mit Bravour geschlagen hatte, bei passenden Gelegenheiten keine Paradeuniform an (wie sie sich Sadat phantasievoll, farbenprächtig und ordensgeschmückt hatte schneidern lassen). Typisch ist die Geschichte, die über diesen unauffälligen, bescheidenen Mann von Mohamed Heikai, den immer noch bekanntesten arabischen Journalisten und Nasser-Freund, erzählt wird. Heikal war unter jenen über tausend bürgerlichen und linkssozialistischen Häftlingen gewesen, die Sadat in einem seiner spontanen Rundumschläge als verdächtige Regiemekritiker ins Gefängnis werfen ließ. Als Sadat beerdigt worden war, fragte er den Gefängnis-Direktor: "Was hat Mubarak bei der Beisetzung getragen?" "Einen dunklen Einreiher." Heikals Stoßseufzer: "Gott sei Dank!" Für ihn war damit ein Kapitel abgeschlossen. Schon äußerlich schien für Ägypten eine Zeit der Nüchternheit, des Realismus angebrochen zu sein.

Hosni Mubarak hat seine Bescheidenheit und Zurückhaltung beibehalten. Über ihn sind keine Legenden im Umlauf; sein Familienleben bleibt verborgen; seine Frau tritt kaum in der Öffentlichkeit auf; ihm widerstrebt es, Verwandte besonders zu belohnen. Das Holz, aus dem dieser ägyptische Präsident geschnitzt ist, ist nicht Sadats Holz. Das heißt nun nicht, daß er seinen Vorgänger verdammte, der in die Geschichte als Friedensstifter eingegangen ist. Zum dritten Jahrestag des Attentates auf Sadat legte Mubarak an seinem Grab einen Kranz nieder. Anschließend stattete er der Witwe, Jehan el Sadat, einen Höflichkeitsbesuch ab; an der Straße vor ihrem Haus hängt noch immer eines der wenigen bunten Riesenporträts von Sadat. Sadat war ein bedeutender arabischer Staatsmann. Er wagte erst den Krieg, dann den Frieden mit Israel, er gab den Ägyptern den Sinai zurück. Aber Hosni Mubarak ist ein Präsident aus eigener Würde und eigenem Stolz:

Doch allzuviel Bescheidenheit, zu betonte Zurückhaltung ist nicht, was die Ägypter von ihrem Präsidenten erwarten. So beginnt selbst Hosni Mubarak nach drei Jahren seine sprichwörtliche Scheu vor großen Worten und eindrucksvollen Gebärden allmählich abzulegen. Seine Ansprachen werden weitschweifiger; er benutzt häufiger wolkige Vokabeln; er erscheint täglich auf den Titelseiten der Zeitungen und an der Spitze der Fernsehnachrichten. Manche sehen sogar den Tag kommen, da auch er in einer glänzenden, schmucken Uniform erscheinen wird.

Aber Mubarak hat aus den Fehlern Sadats gelernt. Dazu gehören die übertriebenen Erwartungen, zu welchen Kompromissen die israelische Regierung sich hergeben könnte, dazu gehörte die Gleichgültigkeit gegenüber den arabischen Brudernationen, was zu Ägyptens einseitiger Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und seiner fast totalen Isolierung im arabischen Raum geführt hat. Hosni Mubarak muß sich auch, wie sein am Ende politisch gescheiterter Vorgänger, mit den alten ägyptischen Plagen herumschlagen: um seine Gegner im radikal-religiösen Lager nicht noch heftiger gegen sich aufzubringen, ließ er vor zwei Wochen die meisten vor drei Jahren angeklagten Anhänger des "Heiligen Krieges" frei, gegen die der Staatsanwalt die Todesstrafe gefordert hatte, darunter sogar den Anstifter der Rebellion, einen blinden Geistlichen. Um es zu keinem größeren Aufstand im Lande kommen zu lassen, nahm Mubarak die vor einer Woche verordneten Erhöhungen der Preise für Brot und die Sozialversicherung umgehend zurück, als es in einem Dorf bei Alexandria zu spontanen Straßenunruhen gekommen

Stolz schwingt mit

Hosni Mubarak hält an dem israelisch-ägyptischen Abkommen von Camp David fest. Er belegt es freilich inzwischen mit der Formel vom "kalten Frieden" und bringt auch andere Karten in das politische Spiel. Er betreibt mit gezügelter, abwartender Energie die Rückkehr in das arabische Lager, aus dem Ägypten 1979 ausgestoßen worden war. So verfolgt der neue Präsident nicht länger den alten Camp-David-Plan der Autonomiegespräche über das künftige Schicksal der Palästinenser im israelisch besetzten Westjordanland. Dieser Teil des Abkommens scheint für ihn obsolet geworden zu sein. Statt dessen nahm er wieder diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion auf, die drei Jahre lang unterbrochen worden waren, und unterstützt die Forderung des jordanischen Königs Hussein nach einer internationalen Friedenskonferenz zur Regelung des Nahost-Konfliktes.

Kein Mann der großen Sprünge

Hosni Mubarak geht bei allem mit der ihm eigenen stockenden Behutsamkeit und gebremsten Beharrlichkeit vor. Er betreibt Außenpolitik im Schongang, er überstürzt nichts. Abgesehen davon, daß alle arabischen Führer auf die ersten Aktionen des alt-neuen amerikanischen Präsidenten starren wie das Kaninchen auf die Schlange – der ägyptische Präsident ist, wie sein israelischer Kontrahent und Kompagnon, zuallererst auf Washington angewiesen, auf die rund sieben Milliarden Mark jährlicher Wirtschafts- und Waffenhilfe. Solche Zwangsgarantie zum Überleben erlaubt nach wie vor keine waghalsigen Seitensprünge. Deren Folge wäre der ökonomische Bankrott des Landes am Nil. Die Sowjets könnten nicht einspringen. Sie haben die Ägypter zudem nicht in bester Erinnerung.

Und die Araber, die Ägypten 1979 nach dem "Verrat" von Camp David aus ihrer Liga ausgestoßen hatten? Sie sollen doch gefälligst selber kommen und ihre Arme zum Willkommen wieder ausbreiten. Ägyptischer Stolz schwingt da mit – schließlich ist die alte Kulturnation noch heute die politisch und militärisch unangefochtene arabische Vormacht. "Nicht wir haben die Liga der 21 Staaten verlassen, sie haben uns vor die Tür gesetzt, also müssen auch sie uns wieder herein bitten", lautet die ägyptische Version einer Schlichtung dieser innerarabischen Händel.

Die Chancen für eine solche Revision stehen gut für Hosni Mubarak. Erst kamen die Jordanier und kündigten den Abbruchbeschluß wieder auf. Demnächst werden die Iraker und Nordjemeniten folgen. An Ägypten und seinen Präsidenten, der eine sorgfältig überlegte Politik der kleinen Schritte betreibt, fährt kein Weg vorbei. Die Ägypter waren immer wer, immer schon.

Mubaraks Kubbeh-Palast gleicht einem Bienenhaus, wie Kairo selber. In diesem hektischen, riesigen Moloch an den beiden Ufern des Nil – für zwei Millionen Menschen geplant, wo heute bereits neun Millionen leben und es um die Jahrhundertwende dreizehn Millionen sein werden – kommt kaum jemand zur Ruhe. Tagsüber reißt der Verkehr endloser Autoschlangen nicht ab, hängen die Kairoer wie Kletten an den überfüllten Bussen, Straßenbahnen und Zügen. Eine Stadt der Unrast und Unruhe, immer in nervöser Bewegung, immer auf der Jagd nach Irgendwo.

Kairo ist keine normale, keine gesunde Stadt. Und Kairo ist ein Spiegelbild Ägyptens, vor allem seines wirtschaftlichen Zustandes: ein Faß ohne Boden. Die Verschuldung nimmt bedrohliche Formen an, die spärlichen Einnahmen aus dem Ölverkauf, dem Suezkanal, und dem Tourismus werden von den horrenden Stützungszahlungen für die Grundnahrungsmittel, für Benzin, Strom, Wasser und Telephon fast völlig aufgefressen. Die Devisen der zwei Millionen ägyptischen Gastarbeiter in Jordanien, in den Golfstaaten und im Irak (dort auch als militärisches Hilfspersonal) – mit über sieben Milliarden Mark jährlich der größte Aktivposten im Wirtschaftshaushalt des Landes – wandern wegen der schwachen Notierungen des ägyptischen Pfundes neuerdings auch auf ausländische Bankkonten. Auf Hosni Mubaraks Problemkalender steht daher der Kampf gegen die ökonomischen Kalamitäten ganz oben an, noch vor der Lösung aller drängenden außenpolitischen Probleme.

Allein um in das Tollhaus der ägyptischen Wirtschaft einigermaßen Ordnung und Vernunft bringen zu können, um Wirtschaftsplanung nur zur Linderung der größten Nöte, zur Kanalisierung der ärgsten Fehlentwicklungen zu praktizieren, wäre der ägyptische Präsident vollauf beschäftigt. Dort, wo ein Loch mühsam gestopft werden kann, reißen gleich zwei, drei neue auf. Wo Facharbeiter in das lukrative Gold-Paradies abwandern, die in Ägypten selber dringend benötigt werden; wo jeder Hochschulabsolvent einen staatlich garantierten Anspruch auf Anstellung hat; wo die Reichen immer reicher werden; wo in jedem Büro, jeder Verwaltung statt einem zwei Angestellte sitzen und trotzdem höchstens die Arbeit einer halben Arbeitskraft verrichten; wo seit alters her Protektion, Bestechung und Vetternwirtschaft zum täglichen Geschäft gehören – da wären rigorose, jeden einzelnen Ägypter unmittelbar treffende Änderungen so notwendig wie die Luft zum Atmen. Eine gesteuerte soziale und wirtschaftliche Revolution Ägyptens täte bitter not. Aber die Folgen für den Staat, für den Präsidenten? Das Risiko wäre zu groß. Hosni Mubarak, der Mann, der mit den Füßen fest auf dem Boden steht, muß radikale Veränderungen scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Anwar el Sadat wußte zwar: "Es wird Generationen dauern, bis sich die Ägypter ändern." Aber Hosni Mubarak kam schon vor drei Jahren zu der kühlen Erkenntnis: "Ein sozialer Umbruch ist für Ägypten gefährlicher als eine Atombombe."