Hosni Mubarak geht bei allem mit der ihm eigenen stockenden Behutsamkeit und gebremsten Beharrlichkeit vor. Er betreibt Außenpolitik im Schongang, er überstürzt nichts. Abgesehen davon, daß alle arabischen Führer auf die ersten Aktionen des alt-neuen amerikanischen Präsidenten starren wie das Kaninchen auf die Schlange – der ägyptische Präsident ist, wie sein israelischer Kontrahent und Kompagnon, zuallererst auf Washington angewiesen, auf die rund sieben Milliarden Mark jährlicher Wirtschafts- und Waffenhilfe. Solche Zwangsgarantie zum Überleben erlaubt nach wie vor keine waghalsigen Seitensprünge. Deren Folge wäre der ökonomische Bankrott des Landes am Nil. Die Sowjets könnten nicht einspringen. Sie haben die Ägypter zudem nicht in bester Erinnerung.

Und die Araber, die Ägypten 1979 nach dem "Verrat" von Camp David aus ihrer Liga ausgestoßen hatten? Sie sollen doch gefälligst selber kommen und ihre Arme zum Willkommen wieder ausbreiten. Ägyptischer Stolz schwingt da mit – schließlich ist die alte Kulturnation noch heute die politisch und militärisch unangefochtene arabische Vormacht. "Nicht wir haben die Liga der 21 Staaten verlassen, sie haben uns vor die Tür gesetzt, also müssen auch sie uns wieder herein bitten", lautet die ägyptische Version einer Schlichtung dieser innerarabischen Händel.

Die Chancen für eine solche Revision stehen gut für Hosni Mubarak. Erst kamen die Jordanier und kündigten den Abbruchbeschluß wieder auf. Demnächst werden die Iraker und Nordjemeniten folgen. An Ägypten und seinen Präsidenten, der eine sorgfältig überlegte Politik der kleinen Schritte betreibt, fährt kein Weg vorbei. Die Ägypter waren immer wer, immer schon.

Mubaraks Kubbeh-Palast gleicht einem Bienenhaus, wie Kairo selber. In diesem hektischen, riesigen Moloch an den beiden Ufern des Nil – für zwei Millionen Menschen geplant, wo heute bereits neun Millionen leben und es um die Jahrhundertwende dreizehn Millionen sein werden – kommt kaum jemand zur Ruhe. Tagsüber reißt der Verkehr endloser Autoschlangen nicht ab, hängen die Kairoer wie Kletten an den überfüllten Bussen, Straßenbahnen und Zügen. Eine Stadt der Unrast und Unruhe, immer in nervöser Bewegung, immer auf der Jagd nach Irgendwo.

Kairo ist keine normale, keine gesunde Stadt. Und Kairo ist ein Spiegelbild Ägyptens, vor allem seines wirtschaftlichen Zustandes: ein Faß ohne Boden. Die Verschuldung nimmt bedrohliche Formen an, die spärlichen Einnahmen aus dem Ölverkauf, dem Suezkanal, und dem Tourismus werden von den horrenden Stützungszahlungen für die Grundnahrungsmittel, für Benzin, Strom, Wasser und Telephon fast völlig aufgefressen. Die Devisen der zwei Millionen ägyptischen Gastarbeiter in Jordanien, in den Golfstaaten und im Irak (dort auch als militärisches Hilfspersonal) – mit über sieben Milliarden Mark jährlich der größte Aktivposten im Wirtschaftshaushalt des Landes – wandern wegen der schwachen Notierungen des ägyptischen Pfundes neuerdings auch auf ausländische Bankkonten. Auf Hosni Mubaraks Problemkalender steht daher der Kampf gegen die ökonomischen Kalamitäten ganz oben an, noch vor der Lösung aller drängenden außenpolitischen Probleme.

Allein um in das Tollhaus der ägyptischen Wirtschaft einigermaßen Ordnung und Vernunft bringen zu können, um Wirtschaftsplanung nur zur Linderung der größten Nöte, zur Kanalisierung der ärgsten Fehlentwicklungen zu praktizieren, wäre der ägyptische Präsident vollauf beschäftigt. Dort, wo ein Loch mühsam gestopft werden kann, reißen gleich zwei, drei neue auf. Wo Facharbeiter in das lukrative Gold-Paradies abwandern, die in Ägypten selber dringend benötigt werden; wo jeder Hochschulabsolvent einen staatlich garantierten Anspruch auf Anstellung hat; wo die Reichen immer reicher werden; wo in jedem Büro, jeder Verwaltung statt einem zwei Angestellte sitzen und trotzdem höchstens die Arbeit einer halben Arbeitskraft verrichten; wo seit alters her Protektion, Bestechung und Vetternwirtschaft zum täglichen Geschäft gehören – da wären rigorose, jeden einzelnen Ägypter unmittelbar treffende Änderungen so notwendig wie die Luft zum Atmen. Eine gesteuerte soziale und wirtschaftliche Revolution Ägyptens täte bitter not. Aber die Folgen für den Staat, für den Präsidenten? Das Risiko wäre zu groß. Hosni Mubarak, der Mann, der mit den Füßen fest auf dem Boden steht, muß radikale Veränderungen scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Anwar el Sadat wußte zwar: "Es wird Generationen dauern, bis sich die Ägypter ändern." Aber Hosni Mubarak kam schon vor drei Jahren zu der kühlen Erkenntnis: "Ein sozialer Umbruch ist für Ägypten gefährlicher als eine Atombombe."