ARD, Mittwoch, 24. Oktober: "Denkste! Unser Opa hat ’ne Macke"

Ein alles in allem, durchschnittlicher Film, für Jugendliche im Zeichen Orwells gedreht. Science-fiction mit ein bißchen Pädagogik und Psychologie: Es geht um einen achtjährigen Jungen, der nicht über den Tod seiner Mutter hinwegkommt und nach deren Beerdigung nur eine einzige Beschäftigung kennt – sich den Video-Film von der Beerdigung, der Szenerie am Grab, dem Abschied der Trauergemeinde und dem blumengeschmückten Sarg vorzuspielen.

Während die Geschwister die Erde rasch wieder hat, der Vater sich aufs neue verliebt und die munteren Hinterbliebenen zu ihren Computer- und Fernsteuerungs-Spielen, ihren Bildschirmzaubereien Seder sieht jeden, wo immer er sich befindet), ihren technischen Mummenschänzchen und Kunst-Stücken zurückkehren, um sich wie gehabt an keimfreier Kost (A 11 : ein vitaminreiches Konzentrat für den Abendtisch) zu delektieren, beharrt Thomas, der Achtjährige, darauf, seinen Erinnerungen treu zu bleiben – und mit ihnen dem Schmerz und der Wut: "Sie sagt, sie hat mich geliebt, meine Mutter, und dann hat sie mich alleingelassen."

Ein simpler plot, der dadurch nicht besser wird, daß ein Computer-Opa ins Spiel kommt, ein künstlicher, bei einer auf derartige Vorfälle spezialisierten Firma bestellten Trost-Großvater, der für das Handwerk behutsamer Schmerzlinderung ausgebildet, sprich: vorprogrammiert ist. Nicht eben witzig, die Volte, dazu sprachlich kaum plausibel gemacht. Menschen und Kunstfiguren reden das gleiche steifleinene Deutsch, Schriftsprache mit ausgeformten Sätzen, korrekt und zumal den auftretenden Kindern unangemessen.

Aber dann kommt’s. Dann wird ein Zweikampf inszeniert, ein Duell zwischen einem halsbrecherisch überzeugend spielenden Jungen und einem großen Schauspieler, Dietmar Schönherr ... und siehe da, dieser Zweikampf zwischen dem Kind und dem langsam aus den Fugen geratenden Roboter, der plötzlich Gedanken und Gefühle entwickelt, die ihm nicht zustehen, und über Erinnerungen zu meditieren beginnt – dieser Zweikampf vollzieht sich in einer Weise, daß es dem Betrachter am Bildschirm den Atem verschlägt.

Je störanfälliger der Trost-Opa wird: je humaner also, desto gegenwartsbezogener geraten die Gedanken des Kindes, und desto überzeugender nimmt sich die Paradoxie aus, die darin besteht, daß der menschlich-fehlbar gewordene Roboter eben dadurch jenes Ziel erreicht, das er, solange er noch funktionierte, verfehlen mußte: Erinnerungen zwar nicht auszulöschen, sie aber doch dem Hier und Jetzt unterzuordnen.

Zweikampf zwischen einem Kind und einer Kunstfigur, der damit endet, daß beide – der eine genesen, der andere zerstört – menschlich reagieren: Dieses vertrackte Spiel wurde von Ralf Willkomen, dem Jungen, und Dietmar Schönherr, dem liebenswerten Märchen-Opa, der fehlerhaft und damit human zu reagieren beginnt, wie eine Begebenheit aus dem Märchenbuch der Brüder Grimm durchexerziert: schrecklich und anrührend zugleich – als Kunst-Parabel von jener Art, wie’s die scheinbar simplen, in Wahrheit höchst artifiziellen Geschichten sind, die vor hundertfünfzig Jahren Jacob und Wilhelm aufschrieben. Momos