Kleine Shaker, große Schüttler

Von Christian Pfannenschmidt

David aus Australien kämpft sich mit heftigen Schüttelbewegungen nach vorn. Unheimlich sportlich sieht er dabei aus. Ob er Weltmeister wird? Die Konkurrenz ist groß. Won aus Korea liegt mit vier Zehntel "Ginseng Ju" auch nicht schlecht im Rennen. Aber da prescht Rocco aus Italien an die Spitze. Rocco rührt "Rheingold". Mit ganz großem Pathos. Die Zuschauer sind begeistert, springen auf, klatschen und kreischen. Fähnchen werden geschwenkt, Photos geschossen. Rocco hat sein Werk vollendet.

Congreß Centrum Hamburg, vergangene Woche: Die Barkeeper der Welt spielten die Olympiade von Los Angeles nach, auf ihre Art. Die Welt der Barkeeper wurde fünf Tage lang einer staunenden Öffentlichkeit vorgeführt – ein Arbeitstreffen der IBA, der International Bartenders Association. Vor allen Dingen: Da fand im CCH der ICC (International Cocktail Competition) statt, die Weltmeisterschaft im Mixen und Rühren.

Fünf Tage sind eine lange Zeit. Damit keiner der mehr als 300 Gäste sich langweilen und dabei womöglich zu tief ins Glas schauen würde, gab es ein volles Programm. Begrüßungsdrink und Mittagscocktail, Ausflugsfahrten (mit Erfrischungen) und Abendessen (mit Getränken). Empfänge (mit Champagner), Kostproben (mit Sherry), den längsten Tresen der Welt (50 Meter mit großer Auswahl), Versammlungen der Abgeordneten (Kaffee, Saft, Wasser), bei denen unter anderem über die "IBA membership" von Hongkong und Jamaica entschieden wurde.

In allen und allem steckte der Geist der Industrie: 50 Unternehmen sponserten die Veranstaltungen. Wenn einem so viel Gutes wird beschert, dann kann man die ganze Sache nur heiter sehen: "Eine Abhängigkeit zwischen der Spirituosenindustrie und den Barmixern besteht nicht," sagt Johannes Bäk, Barchef im Bremer Parkhotel, "ich bezeichne es als familiäre Beziehungen."

Familiär geht es denn auch zu beim Kampf um den Cocktail. "Here they come..." ruft der Moderator, als die ersten vier Mixer die Bühne betreten. Auf die Plätze, fertig, los. Ein bißchen hiervon, ein bißchen davon, eine Spur Süßes, ein Spritzer Herbes. Gießen und seihen, rühren und schütteln. "Schütteln ist Schau," sagt Johannes Bäk, "das wollen die Leute sehen!"

So kriegen sie also, was sie möchten, die Zuschauer: kleine Shaker und große Schüttler, Barmänner, die genauso stark durcheinander sind wie ihr Drink, Gläser gehen zu Bruch, Eis fällt zu Boden. José aus Argentinien garniert mit Kirschen, Istvan aus Ungarn nimmt lieber Oliven, Ezequiel aus Brasilien fischt kleine Zwiebeln aus dem Glas.

Kleine Shaker, große Schüttler

Mixer aus 28 Nationen kämpfen nur für die Ehre und das Vaterland, denn: "Ein Pokal wird nicht ausgemixt!" sagt Johannes Bäk. In drei Sparten werden Sieger ermittelt – Before-Dinner-Drinks, After-Dinner-Drinks und Long-Drinks. Der Erwin aus Deutschland will mit "Check point" siegen, der Alois aus Österreich möchte gewinnen mit "Green peace", Sigurjonsson aus Island hat einen "Stripper" kreiert, Ake aus Schweden rührt "Sissi". Nachdem eine Runde fertig ist, werden die Cocktails, unter dem Beifall des Publikums, von "Stewards" herausgetragen.

Im Nebenraum nämlich, unbestechlich und ungestört, sitzt die Fünf-Personen-Jury. Ihre Angostura-Bitter-Miene wird über Bildschirm hinübergestrahlt in den Festsaal. Gebannt und gespannt starren die Barmänner und Besucher auf menschliche Regungen. Fällt einer blau vom Sessel? Windet sich ein anderer vor Ekel? Jubelt ein dritter vor Begeisterung?

Nichts von alledem. Die Videokamera spielt Voyeur für die Zuschauer, zoomt unbarmherzig die Gesichter der Tester heran. Aber kein Zucken, kaum ein Schlucken ist wahrzunehmen, keine Ahnung dessen, was sie fühlen, schmecken, denken, die Juroren. Mrs. Bierschenks Nasenflügel beben ein wenig, als sie das Cocktailglas zu den Lippen führt, die sie zuvor mit geschmacksneutralem Lippenstift nachgezogen hatte. Mrs. Bierschenk blickt zum Himmel: Ach, du lieber Gott! Jetzt schaut sie nach unten: Höllisch gut, der Drink? Mrs. Bierschenk macht sich erst Gedanken und dann Notizen.

Beurteilen muß sie gemeinsam mit ihren Kollegen Aussehen, Aroma und Geschmack des Cocktails. Dabei reicht die Skala von "exzellent" über "sehr gut" bis "gut". Schlecht darf Mrs. Bierschenk nichts finden.

Dabei findet sie etwas schlecht, doch es sind nicht die Mixgetränke. "Es ist unglaublich, daß hier in Deutschland noch immer keine Frauen in der Barkeeper-Union Mitglied sein dürfen! In meiner Heimat Schweden ist das schon seit Jahren anders!" Johannes Bäk und seine Kollegen sind in dieser Frage, so scheint es, noch ein wenig unentschlossen. "Bei uns in Deutschland liegt das sicher mit am Image, das Frauen hinter der Bar haben!" sagt er. Aber, so versichert er, da würde sich etwas ändern. Schon beim nächsten Hauptverbandstag der DBU wolle man das Thema auf den Tisch bringen. "Ein wesentliches Problem war bisher auch, daß es für den Beruf des Barkeepers kein einheitliches Berufsbild gegeben hat."

Das gibt es inzwischen: Voraussetzung ist die abgeschlossene Berufsausbildung als Kellner, oder Restaurantfachmann, wie es heute heißt. Dazu kommen praktische Erfahrungen im In- und Ausland und ein paar Eigenschaften, die Johannes Bak für unabdingbar hält: "Einfühlungsvermögen, Diskretion und Taktgefühl ... Und ein gepflegtes Äußeres!"

Das gepflegte Äußere ist unübersehbar bei den Teilnehmern: Keine Haarsträhne liegt falsch, keine Schuppe rieselt auf die Barmann-Klubjacke; die glattrasierten Smalltalk-Gesichter strahlen mit den polierten Fingernägeln und gewienerten Schuhen um die Wette.

Frohsinn beim Cocktail-Cup. Am Ende siegen der fröhliche Rocco mit "Rheingold", der Paolo aus Venezuela mit "Izcaragua" und der Peter aus der Schweiz mit dem Longdrink "Lady-Killer". Am Ende mixt sich die große Barkeeper-Familie bei Galadiner und Tanz (mit Ehefrauen) gut durch, ohne trübsinnig zu werden, höchstens ein bißchen wermutig. Am Ende spricht der Karlheinz, genannt Bob, mit Reinhold, genannt Jonny, vielleicht über alte Zeiten. Der Jürgen, genannt Herr Präsident, denkt schon wieder an die nächste Weltmeisterschaft. Und die anderen, die Barkeeper aus Excelsior und Ritz, aus Grand Hotel und Palace, aus großen Kästen und kleinen Häusern, all jene, die nicht hinter der Bar standen, sondern im Mittelpunkt, stimmen Johannes Bäk, genannt Hannes, zu, wenn er sagt: "Diese Veranstaltung wird in den kommenden Wochen an allen Bars dieser Welt Gesprächsthema Nummer eins sein!"