Luxemburg und Liechtenstein, die Bahamas und die Kaiman-Inseln sind als Finanzparadiese bekannt. Aber wer denkt schon an San Marino, die kleine, ringsum von italienischem Territorium umschlossene Felsenrepublik an der Adria, wenn er. Steuern sparen will? Man weiß von diesem Land kaum, daß es seit 1978 eine kommunistische Regierung mit sozialistischer Beteiligung hat. Zwei Genossen, seit alters her "Kapitäne" genannt, lösen sich alle sechs Monate als Regierungshäupter für die 22 000 Untertanen am Monte Titano ab.

Anfang Oktober nun war Aufruhr im roten Idyll. Die 447 Kaufleute und Kleinindustriellen von San Marino und die christdemokratische Opposition rotteten sich vor dem Regierungspalast zusammen. Der Grund: Ein neues Gesetz fordert, daß sie in angemessener, wenn auch bescheidener Weise Steuern zahlen sollen. Schließlich kann und will der Staat San Marino nicht nur von der Emission seltener Briefmarken leben. Vorschläge für die Lohnsteuer aber hatten bei der "arbeitenden Klasse" wenig Erfolg gehabt.

Dabei sind die Sanmarinesen gegenüber den Italienern fein heraus: In der ehrwürdigen Republik des heiligen Marinos beträgt die durchschnittliche Steuerlast für ein Unternehmen zwanzig Prozent gegenüber 46 Prozent in Italien. Wenn man daran denkt, daß San Marino zwar einen Beobachter in Brüssel hat, aber nicht Mitglied der Europäischen Gemeinschaft ist, könnte manchem europäischen Unternehmer der Wunsch kommen, einen Zweigbetrieb in San Marino einzurichten. Die örtliche Regierung und die Gewerkschaft fördern solche Ansiedlungen, sofern es sich um Kleinbetriebe handelt. Derzeit beschäftigen 127 Unternehmen insgesamt 3000 Personen.

Es gibt indes einen handfesten Grund dafür, daß es in San Marino nicht gerade von ausländischen Initiativen wimmelt. Die Proletarier dieses roten Kleinstaates haben sich so an die Sonnenseite der sozialen Wohlfahrt gewöhnt, daß ihre Leistung und ihre Anwesenheit in den Betrieben sich nicht gerade zum Vorteil entwickelt haben. Auf gut deutsch: Effizienz ist dort ein Fremdwort. Die Regierung kann nicht viel unternehmen, denn jede Initiative beantwortet das Volk mit der unverhohlenen Drohung, dann werde nicht mehr rot gewählt.

So muß die Regierung auf andere Einnahmequellen sinnen. Sie verhandelt zum Beispiel mit Italien um eine Revision des Vertrages von 1953, in dem San Marino auf eigene Hör- und Fernsehsendungen verzichtet. Da die World Administration Radio Conference dem Land fünf Fernsehkanäle zugesprochen hat, tun sich hier Möglichkeiten für die Ausstrahlung eigener, privater Sendungen auf.

Ein eigenes Telexnetz hat San Marino bereits seit dem vergangenen Jahr. Und bis 1986 soll auch der Monopolvertrag mit der italienischen Telephonverwaltung gelöst werden. Denn San Marino will Drehscheibe für die internationale Vermittlung von Daten und Nachrichten werden.

Der Clou ist aber: San Marino strebt die Lösung von der römischen Notenbank, bisher das Aufsichtsorgan über die heimische Kreditwirtschaft, an. Man will eine eigene Aufsichtbehörde schaffen. Ganz gewiß nicht nur, um die vier Sanmarinesischen Kreditinstitute zu überwachen, sondern auch um ausländische Banken anzuziehen.