West-Berlin

Am vergangenen Samstag ging in Berlin zum fünften Male ein Kanzlerfest über die Bühne. Schauplatz: die Deutsche Oper. Gesamtleitung: Professor Götz Friedrich. Gastgeber: der Bundeskanzler und der Regierende Bürgermeister von Berlin.

Von Götz Friedrich war zu hören, daß er nicht mehr "Friedrich" heißen wolle, wenn sein Werk ihm mißlänge. Nach der Aufführung stand fest, daß er seinen rühmlichen Namen behalten darf – seine Non-Stop-Show war ein voller Erfolg. Das Publikum dankte ihm und seinen Mitarbeitern mit tosendem Beifall. Der Intendant der Deutschen Oper arrangierte eine festlich heitere Revue aus Oper, Operette, Musical und Kabarett. Er verpflichtete Stars wie Lucia Aliberti, die man die zweite Callas nennt, Astrid Varnay, Franco Bonisolli und René Kollo, von dem gemunkelt wurde, daß er für seine "Granada"-Arie 17 000 Mark erhalten habe. Lästerzungen fanden, daß eine alte Frau für das Geld ganz schön lange stricken muß.

Es wurde Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" gespielt. Musikalische Impressionen zwischen Himmel und Hölle mit Einsprengseln, die von Mozart, Haydn, Strauß, Tschaikowsky, Donicetti und Verdi bis hin zu Wagner reichten. Zu Füßen des Olymp ließ Friedrich seine Puppen tanzen und singen, daß es eine Freude war. Er steckte zum Beispiel die drei Rheintöchter aus "Rheingold" in Putzklamotten, Goldstaub regnete herab, den sie mit großen Besen in die vorderen Parkettreihen fegten, wo vorwiegend Bonner Prominenz saß.

Ein Gag jagte den anderen. Das große Entzücken einer 18jährigen war eine Break-Dance-Gruppe, die zu Walkürenklängen zeigte, was sie kann; die Schöneberger Sängerknaben erstürmten auf Rollschuhen die Bühne und krähten fröhlich "Das macht die Berliner Luft" und "Glühwürmchen flimmere". Mit Hilfe von Taschenlampen an den Hüten verwandelten sie sich flugs in stockdunkler Bühnennacht zu gaukelnden glühwürmchenhaften Lichtern. Helmut Lohner sang die neueste Ausgabe seiner Couplets aus "Orpheus in der Unterwelt". Tannhäuser wurde interpretiert: "Blick ich umher in diesem edlen Kreise". Vollmundig schloß sich an der Chor zum Meistersingerlied: "Ehret Eure deutschen Meister".

Und tatsächlich, Deutschlands Goldolympioniken wurden von gehörnten "Unterweltlern" auf die Bühne gelotst. Sonderapplaus. Ulrike Meyfarth, die Göttin des Hochsprungs, wurde sofort erkannt. Nach zwei Stunden fand die Vorstellung ihr Ende mit einem feurigen Cancan, der die Rüschen nur so fliegen ließ. Strapse winkten, Popos wackelten, die Festgesellschaft begab sich aufgekratzt ans kalte Buffet.

In den Foyers wurde jede Menge Wein und Bier ausgeschenkt, und die Gastronomie empfahl Berliner Spezialitäten: Havelaal in Gelee, Havelkrebse mit frischem Dill und Kümmel gekocht, Sprotten, Pfeffermakrelen, Kaßler mit Sauerkraut, Weißkäse mit Leinöl, Kartoffelpuffer mit Apfelmus, Erbsensuppe, Rote Grütze und Streuselkuchen. Von zwei Uhr an, so ließ Götz Friedrich wissen, hätte er gern sein Haus wieder für sich.