Nürnberg: "Konkret 4"

Konstruktive Kunst läuft eigentlich immer so mit, eine Konstante, unabhängig von aktuellen Trends. Ihre Position ist klar und damit ihre Gegenposition zu manchen Zeitströmungen. Vermutlich war aber der Abstand zum künstlerischen Mainstream noch nie so groß wie heute. Der Konstruktive arbeitet mit einem Konzept, nicht planlos, kontrolliert, nicht spontan, und sein Vorgehen orientiert sich an den konkreten bildnerischen Mitteln, schließt so den emotionalen Appell an den Betrachter aus. Im Bereich des Konkret-Konstruktiven ist das Kunstwerk selbst die Mitteilung und nicht Träger einer Botschaft, die anderswo ihren Ursprung hat. Solche Arbeiten sind stiller, konzentrierter und weniger spektakulär als die Ergebnisse derzeitiger malerischer und plastischer Fast-food-Produktion, übermitteln dafür aber Erfahrungen und nicht vage Vorstellungen. Die Nürnberger Ausstellung, die vierte einer Reihe, in der die Sayler Arbeiten von kollegen vorstellun-(und die erste, die in den Räumen des neuen Kunsthauses Nürnberg gezeigt wird), enthält Beispiele für jene Art von Kunst, die über ihr anschauliches Konzept Begriffliches transportieren. Der Engländer Eric Snell spannt einen Bindfaden straff zu einem Quadrat; der in der Luft schwebende, von Stiften gehaltene Bindfaden ist jedoch an einer Stelle unterbrochen, zwischen den beiden Enden klafft eine Lücke, und trotzdem fällt das Quadrat nicht in sich zusammen. Vom optischen Eindruck her scheint also die Kausalität im Wortsinn suspendiert.

Allerdings ist das keine Zauberei, Snell hat mit Hilfe kleiner Magneten eine Luftbrücke gebaut. Torsten Ridell, ein in Paris lebender Schwede, malt Permutationen von Linien: Aus einem "Linienfeld von Parallelen" wählt er einen Ausschnitt, indem er Linien verschiebt oder dreht und auf diese Weise eine logische Abfolge von Bildern erhält. Hier kommen gestaltpsychologische Überlegungen ins Spiel und bei Christian Megert wahrnehmungspsychologische. Der Schweizer baut Rahmen, die mit Spiegeln besetzt sind. Das auf die leere Wand reflektierte Licht produziert Spiegelbilder, die den Rahmen tatsächlich zum Bilderrahmen machen, wobei die Grenzen zwischen Rahmen und Bild aber fließend werden. Der polnische Filmemacher Ryszard Wasko (er und Snell werden im nächsten Jahr DAAD-Stipendiaten sein) fixiert einen hellen Lichtstreifen, den er an die Wand projizierte, als schwarzen Schatten, der Deutsche Klaus Staudt hat aus Vierkanthölzern abgeschrägte Prismen konstruiert, die aber nicht als Körper, sondern als Zeichnung im Raum begriffen werden soll – beide Male also eine Umkehrung der üblichen Erfahrung. (Bis zum 16. November)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Cy Twombly – Malerei, Arbeiten auf Papier 1955-1983" (Kunsthalle bis 11. 11., Katalog 48 DM)

Berlin: "Das Abenteuer der Ideen, Architektur und Philosophie seit der industriellen Revolution" (Neue Nationalgalerie bis 18. 11., Kataloge für 10, 27, 38 DM)