Lyon, Texas

Noch ein Fiasko für Bob Wilson: acht Stunden "Medea" in der französischen Provinz

Sein Theater ist wie eine Droge – man mag es verfluchen, doch man kommt von ihm nicht los. Reisen zu seinen Aufführungen sind keine gewöhnlichen Theaterreisen (morgen in Bochum), sondern Wallfahrten: heim kommt man erleuchtet, oder, wenn die Erleuchtung ausbleibt, regelrecht erschlagen. Kritiken über seine Aufführungen sind keine gewöhnlichen Theaterkritiken – denn was er tut, ist unbeschreiblich, im Guten wie im Bösen. Seine Fans reisen ihm nach bis ans Ende der Welt; also, zum Beispiel, auch nach Lyon.

Dort, in der französischen Provinz, hatte in der vergangenen Woche ein neues monströses Spektakel Premiere: Robert Wilson inszenierte an zwei Abenden hintereinander zwei "Medea"-Opern, eine klassische von Marc-Antoine Charpentier und eine zeitgenössische von Gavin Bryars. Das Ergebnis ist, natürlich, unbeschreiblich. Ein Theatertraum – aber leider ein böser.

Über acht Stunden also sitzt man im abgewetztprunkvollen Opernhaus von Lyon, auf Theatersesseln, die dem Zusammenbruch nahe sind, und erlebt, ja was? Eine Folter. Opernsänger, Opernchoristen und Opernstatisten schreiten erhaben und gemächlich über die Bühne – und wenn sie nicht schreiten, dann stehen sie starr. Franca Squarciapino steckt die Sänger auch diesmal wieder in wahre Kostüm-Ungetüme, die Herren in Silberpanzer und Kriegerröckchen, die Damen in die altbekannten, wallenden Klassiker-Nachthemden.

Wilsons Theater hat sich immer auf einem schmalen Pfad bewegt: zwischen geheimnisvoller Monotonie und nackter Langeweile, Schlafwandelei und Tiefschlaf. Wie ein Mondsüchtiger darf es nicht gestört werden: die kleinste falsche Bewegung bringt es aus dem somnambulen Gleichgewicht. Die Oper, das zeigte sich nach Rom nun zum zweiten Mal, ermordet Wilsons Traum vom Theater.

Denn Sänger müssen sich darauf konzentrieren zu singen. Dabei wollen sie festen Boden unter den Füßen haben. Für die schwebenden, schwerelosen Bewegungen der Wilsonschen Schlafwandler haben sie keinen Körper und keinen Sinn: Sänger schreiten, stehen starr, schreiten. Statt ziellos und auf doch genau berechneten Bahnen durch den Raum (den Weltraum) zu treiben, vollziehen sie feierliche Klassiker-Aufmärsche – daß sie manchmal auch rückwärts schreiten, ist der einzige, winzige Triumph Wilsons über die Opern-Konvention.

Es mag ja sein, daß für Wilson, den Mann aus Waco/Texas, all die totenstarren Tableaus, die er in Lyon stellte, auch etwas Phantastisches haben – für den europäischen Betrachter entsteigen da bloß Theater-Gespenster den Grüften, die deutsche Provinz-Oper der 50er Jahre zum Beispiel, Death, Destruction & Detmold. Rührend Wilsons texanischer Traum, sein andächtiges Bemühen, französische Oper und antikes Drama nachzuempfinden, nachzustellen. Traurig das Resultat: öde Einfalt, stille Größe; der extreme Stoff "Medea" ausradiert von reinlich-biederen, geometrischen Arrangements.

Lyon, Texas

Ganz am Anfang, bevor der lange Schlaf begann, gab es ein allegorisches Vorspiel, das Wilsons Theater immerhin ähnlich sah: Frauen auf Schlachtwagen, Kinder mit Maschinenpistolen, ein Überrest vielleicht aus den unvollendeten "Bürgerkriegen". Etwa nach sechs Stunden ereignete sich ein merkwürdiges Zwischenspiel: Medea und Jason vor einem himmlischen (?) Gerichtshof; die Richter kalkweiße Männer, unter ihnen Moses und Marx, Gandhi und Mao.

Ansonsten hatte der Zuschauer, wie noch nie zuvor im Theater, Zeit für sich selber: während acht Stunden, in denen nichts geschah, hatte man Muße, über sein Leben nachzudenken, und zwar über das ganze, und das mehrmals. Als das Spektakel, wider Erwarten, doch noch zu Ende ging, wollte man es zunächst gar nicht glauben. Es war Nacht in Lyon, die Straßen ausgestorben, und nun doch plötzlich ein Gefühl wie in der Oper: dem Kerker entkommen, "Fidelio", letzte Szene.

Sein Theater war wie eine Droge. Jetzt, da er uns wie die Antike starr entgegenkömmt, tut er uns leid und muß man ihn bedauern. Sind wir nun endlich von seinem Bann erlöst, für alle Zeit unheilbar gesund? Wenn Robert Wilson das nächste Mal zu einer Wallfahrt ruft, werde ich zu Hause bleiben. Bestimmt. Oder?

Benjamin Henrichs