Von Christian Schmidt-Häuer

Tocquevilles Wort, "daß die Historie eine Gemäldegalerie ist, in der es wenig Originale und viele Kopien gibt", hat für Polen einen frivolen Beigeschmack. In diesem leidgeprüften Land erscheint die Geschichte wie eine endlose Kopie – von Tragödien. Im Dezember 1981 endete Warschaus rot-weißer Traum von nationaler Wiedergeburt und europäischen Freiheitsidealen mit einem Militärputsch in lateinamerikanischem Stil. Jetzt ist sogar noch der graue Alltag mit dem bescheidenen Ziel der nationalen Wiederversöhnung überschattet worden vom Wüten einer staatlichen Todesschwadron.

Der Priestermord an der Weichsel wird ein neues Kapitel der Identifizierung mit den nationalen Mythen einleiten – wie einst das Wunder an der Weichsel. Nachdem Marschall Pilsudski 1920 die Rote Armee vor Warschau entgegen allen Erwartungen besiegt hatte, boten Jahrmarktbuden schon bald Bilder teil, auf denen die Jungfrau Maria auf einer Wolke die polnischen Soldaten in die Schlacht führte. Entsprechend wird der 37jährige Jerzy Popieluszko, den drei Offiziere der Staatssicherheit nach eigenen Angaben in die Weichsel geworfen haben, nun wohl schnell in die Nähe des ersten polnischen Heiligen Stanislaw gerückt werden. Stanislaw, Prediger und Bischof von Krakau, kritisierte und exkommunizierte König Boleslaw II. – und wurde von diesem gemeuchelt.

Polens gegenwärtiger Herrscher, General Jaruzelski, und seine engsten Verbündeten waschen ihre Hände mit geradezu zwanghaftem Bemühen in Unschuld. Das dokumentiert die verzweifelte Ohnmacht der halbwegs konstruktiven Machthaber in Osteuropa gegenüber den destruktiven Machtwächtern Moskaus. Der (durchaus flexible und kluge) Innenminister eines sozialistischen Landes muß offen zugeben, daß unter seiner Dienstaufsicht, aber ohne sein Wissen Entführung und (wahrscheinlicher) Mord langfristig geplant und kaltblütig ausgeführt wurden.

Dies unverblümte Eingeständnis General Kiszczaks während der laufenden Ermittlungen ist einmalig – der Vorfall selbst ist es nicht. Für Mord und Totschlag an Solidarność-Anhängern stehen die Namen des Schülers Przemyk, des früheren Gewerkschaftschefs in der Kattowitzer Hütte, Kowalski, und des Ex-Vorsitzenden der Bauern-Solidarność, Bartoszcze. Keiner dieser Fälle wurde wirklich aufgeklärt. Jetzt aber hat General Kiszczak rückhaltlose Informationen über das Schicksal Popieluszkos versprochen – einem Mann, der schon zu Lebzeiten eine neue Heiligenlegende anbot.

Doch vollständige Aufklärung ist undenkbar. Denn die drei jungen Männer, deren Todeskommando jetzt mit der Todesstrafe zu enden droht, waren mit Sicherheit keine "Selbstgänger" im Rahmen des hierarchisch-streng gegliederten Sicherheitsapparates. Es gibt kaum Zweifel, daß sie im Schutz höherer Hintermänner agierten, die Jaruzelskis kleine Schritte der nationalen Wiederversöhnung und der internationalen Sympathiewerbung durch eine neue Konfrontation mit der Bevölkerung verhindern wollten. Jeder politisch interessierte Pole geht außerdem davon aus, daß das KGB mitgemischt hat.

Es täte Warschau wohl, wenn sich Jaruzelski in den Augen aller Polen vom Makel der Mitverantwortung reinwaschen könnte. Immerhin hatte der General die vielen nicht gleichgeschalteten Gottesmänner schon mit Beginn des Kriegszustands kräftig unter Druck setzen lassen. Trybuna ludu wetterte gegen kritische Priester mit den gleichen Worten, die einst Bismarck gegen polnische Geistliche schleuderte: Sie hätten "ihre priesterliche Stellung zu politischen Umtrieben mißbraucht".