Von Monika Putschögl

Mächtig wie ein Schloß, das zu einem großen Fest illuminiert ist, strahlt in sattem Gelb der Fin-de-Siecle-Bau des Budapester Ostbahnhofs. Gleich wird tuckernd ein Automobil vorfahren, ein Herr mit Bowler und Gamaschen aussteigen, galant einer Dame im Reisekostüm aus dem Wagen helfen. Der Gepäckträger eilt herbei. Lange Röcke rascheln auf dem Perron, Coupetüren schlagen zu, ein letztes Lebewohl, der Orientexpreß verläßt Budapest.

Wir haben Jeans an und schleppen unsere Koffer selbst. Der Bahnsteig ist fast leer, nur ein paar Betrunkene hängen müde herum. Aber das Gebäude strahlt immer noch mächtig wie ein Schloß, und der Orientexpreß wartet auf Gleis 7.

Der Schlafwagenschaffner ist mürrisch und unser Wagen uralt. Kein Plüsch, kein Messing, kein Mahagoni, kein Champagner, keine illustren Mitreisenden und wahrscheinlich auch kein Mörder. Wir fahren nicht mit dem legendären Orientexpreß, sondern mit dem fahrplanmäßigen, der jeden Tag von Paris über Straßburg, Stuttgart, München und Wien nach Budapest Kommt, um von dort nach Bukarest weiterzufahren.

Auf die Minute pünktlich, um 21.30 Uhr, wie es der Fahrplan befiehlt, rattert der Orientexpreß, endlos lang, mit den Schlaf- und Liegewagen ganz hinten, aus der prunkvollen Bahnhofshalle von Budapest-Keleti in die Nacht.

Die beiden Betten in unserem Abteil sind weiß und frisch überzogen. Das ist das einzige, was frisch ist. Der alte Wagen der Mav, der ungarischen Bahn, ist schäbig geworden mit den Jahren. Drei Gläser und eine Wasserkaraffe klirren in ihren Ständern, hinter einem Plastikvorhang schaukeln Kleiderbügel und ein Klappstuhl.

Heimelig ist es nicht, unser Quartier für die nächsten fünfzehn Stunden. Aber müde ist ohnehin keiner. Wir laden den Schlafwagenschaffner zu einem Schluck aus der Duty-free-Flasche ein. Er spricht flüssig deutsch mit einem hübschen k.u.k.-Akzent: Ja, einen Speisewagen gebe es auch, fünf Wagen weiter und rumänisch; wahrscheinlich hätte er bis zur Grenze geschlossen. Bis dahin sind es noch vier Stunden. Aber unser charmanter Betreuer sorgt für seine Kunden. Er hat Bier gebunkert und einen trefflich herben Riesling für die Damen, bitteschön. Und weil er uns wirklich nicht in den rumänischen Speisewagen schicken will, serviert er auch noch eine Runde Salamibrote.