Von Vitus B. Dröscher /

Wie schafft es ein kleiner Singvogel, zweitausend Kilometer weit über die Sahara zu ziehen? Und woher weiß er, wenn er im Herbst diese Strecke zum erstenmal in seinem Leben zurücklegt, ganz allein und nur während der Nächte fließend, wann und wo er sein Winterquartier erreicht hat?

Der Nonstop-Flug über Mittelmeer plus Sahara, den Zoologen bislang vermuteten, entspricht nicht den Tatsachen – zumindest nicht für Kleinvögel. Dies zeigten Beobachtungen der Doktoren Wolfgang Friedrich, G. Heine und Herbert Biebach in der ägyptischen Oase "Sadat Farm", kürzlich berichtet auf der Jahresversammlung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft in Konstanz. Die Ereignisse sind viel dramatischer: Von Süddeutschland bis zur Südküste der Türkei, Kreta, Rhodos oder Zypern brauchen Nachtigallen, Fliegenschnäpper, Grasmücken, Laubsänger, Neuntöter und andere Singvögel etwa einen Monat. Sie bummeln futtersuchend durch nahrungsreiche Gebiete.

An den Nordküsten des Mittelmeeres ändert sich das schlagartig. Herbstabends gegen 20 Uhr starten sie aus ihrem Rastgebüsch und fliegen mit einem Tempo um 50 Stundenkilometer die ganze Nacht hindurch. In der Morgendämmerung kommt die nordafrikanische Küste nach 360 bis 550 Kilometer langem Flug über das Meer in Sicht.

Hier und auch später über der Wüste muß der kleine Vogel eine Entscheidung fallen, von der Tod und Leben abhängen: Wann und wo soll ich landen? Je heißer es im Laufe des Vormittags in der Flughöhe um zehn bis zwanzig Meter wird, desto schwerer wird es für den Vogel, die in den hoch belasteten Flugmuskeln erzeugte Körperwärme abzuführen. Da ist es schon besser zu landen und die noch höheren Temperaturen am Erdboden (um 60 Grad) ruhend zu ertragen.

Aber eine Landung am falschen Ort und zur falschen Zeit bedeutet unweigerlich den Tod. Als Rastplatz eignen sich am besten Oasen, deren Buscnhecken sich allmorgendlich mit Singvögeln geradezu füllen. Aber auch Autowracks, leere Benzinkanister, wie auch Felsspalten und größere Steine werden als Schattenspender gesucht. Eine Steinwüste ist als Landeplatz durchaus akzeptabel. Die reine Sand- oder Kieswüste ist die Hölle.

In ihr verharren die kleinen Vögel in einer Art Starre. Sie zeigen kein Hitzehecheln. Sie suchen nicht nach Nahrung. Ihre Körpertemperatur differiert nur wenig von den Wärmegraden der Luft. Es scheint, als verharrten sie während der heißesten Tagesstunden in einem winterschlafähnlichen Zustand: ein Phänomen, das noch erforscht werden muß.