Norwegische Anachronismen

Die Leiter

Die Leiter hinunter, sagte die alte Anna, das war der einzige Weg. Schon mit vier oder fünf sind wir die Leiter aus Holz hinuntergeklettert, mit dem Korb auf dem Rücken, mit der Kanne in der Hand, dann am Steilhang einen Fuß vor den andern, bis zum Bootshaus unten am Fjord. Und wenn etwas geschah, das ihm zuwider war, oder es kam einer, dessen Gesicht ihm nicht gefiel, dann zog der Vater die Leiter in die Höhe. Es war ein hartes Leben, doch wer auf dem Einödhof saß, der war sein eigener Herr.

Die alte Anna erzählte ihre homerischen Geschichten am liebsten im Winter, beim Kaffee, am frühen Nachmittag, während es draußen schon zu dämmern anfing. Sie war vierundachtzig. Der Kaffeekessel zischte leise auf dem Herd. Ich hatte Mühe, ihren altertümlichen Dialekt zu verstehen. Ihre Rede war mit ausgestorbenen Wendungen und verschwundenen Vokabeln gespickt. Jeder Heureiter, jeder Griff in der Korbflechterei hatte seinen eigenen Namen.

Die alte Anna hatte den Einödhof, der vierhundert Meter über dem Fjord in schwindelnder Höhe lag, längst verlassen – sie wohnte im Altersheim –, aber sie hatte nichts vergessen, und ihre gleichmäßige Stimme zählte die Namen der Toten her, die Hochzeiten, die dort oben gefeiert, die Kinder, die zur Welt gebracht worden waren, die Mahd auf den handtuchgroßen Wiesen der Hochalm, die Schulwege durch die Dunkelheit, die Erdrutsch- und Lawinenunglücke, die Kirchfahrten durch den Nebel und die Motorbootvisiten des Doktors im Schneesturm. Die Höfe hießen Skjortnes oder Fausa, Skrenakken oder Espenhjelle. Alles, was von außen kam, die Lämmer, das Bauholz, die Nähmaschine, mußte an Gleitseilen, mit der Drahtseilwinde hochgehievt werden, und den umgekehrten Weg ging alles, was man zu verkaufen hatte, manchmal wohl auch ein krankes Kind im Korb, oder sogar eine Leiche, und wurde dann über den Fjord in die nächste Ortschaft gerudert. Manche dieser Höfe waren seit tausend Jahren bewohnt, von anderen waren nur Wüstungen übrig. Die Leute lebten von der Schafzucht und von der Käserei, waren Holzfäller und Köhler, Teersieder und Lachsfischer zugleich, und ihr Ruderboot, ihr gras- und rindengedecktes Haus bauten sie mit eigner Hand.

Das alles ist schwer zu glauben, zu schön um wahr zu sein; es klingt wie eine fromme Legende, wie ein Wandermärchen. Aber daß mir die alte Anna lauter Lügen aufgetischt hätte, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das wird jeder zugeben, der sie gekannt hat. Außerdem habe ich die Lichter auf den Einödhöfen selber brennen sehen, und einmal, im Hotel, bei einer Kindstaufe, habe ich ein paar solcher Bergbauern leibhaftig kennengelernt, entfernte Verwandte, stumme Leute, die mit der ganzen Höflichkeit und dem ganzen Argwohn der Einsiedler zögernd, nach dem Essen, anfingen, von der neuen Kreissäge zu sprechen, von ihrem Kampf um die Stromleitung, von den Milchpreisen, von dem Motorboot, das sie sich, nach langem Hin und Her, anschaffen wollten.

Ihr Dasein und ihre Reden muteten damals schon, am Ende der fünfziger Jahre, anachronistisch an. Denn mit dem kleinen Marktflecken am Storfjord, wo die Taufe gefeiert wurde, ging es unaufhaltsam aufwärts. Der Sägemüller hatte ein Möbelwerk aufgemacht und fühlte sich als Großunternehmer; der Schreiner war auf die Idee gekommen, kleine Salontische zu bauen, je drei Stück, die sich ineinander stapeln ließen, und er träumte vom ganz großen Exportgeschäft, denn er hatte einen Vetter in Michigan, der ein Versandhaus besaß; auch die kleine Hemdenfabrik ging gut; und der lokale Clan der Krämer war auf dem besten Wege, die bescheidene alte Kirchgemeinde mit seinen widerwillig bewunderten, abscheulichen Neubauten kaputtzumachen. Die Kaufleute bauten klotzig, ohne Gefühl für das Hergebrachte, dumm, großspurig und engstirnig, und verabschiedeten sich lautlos von allen Tugenden dieses Landes.

Norwegische Anachronismen

Fünfundzwanzig Jahre später, als ich wieder nach Sunnmøre kam, schien auf den ersten Blick alles beim alten geblieben zu sein: das Landemanöver der Fähre, der Geruch nach Dieselöl und altem Holz, die Launen des Wetters, die Regenschauer, die die Passagiere in den verräucherten "Salon" jagten, die trockenen Sandwiches und der abgestandene Kaffee an der Theke. Ich nahm einen Feldstecher, ging an Deck und sah hinauf zu den unheimlich ragenden Hängen, von denen monatelang der Schatten nicht weicht. Diese Landschaft leuchtet auf den Plakaten der Reisebüros, aber wirtlich ist sie nicht, sondern düster und karg.

Was ist aus den Einödhöfen und ihren Bewohnern geworden? Halten sie immer noch dort oben aus? Oder sind sie heruntergekommen über die alten Leitern und Saumpfade und in den Kleinstädten an der Küste untergetaucht? Ich richtete mein Glas auf die Flanken des Fjords, aber aus dem, was ich erkennen konnte, wurde ich nicht klug. Hier eine verfallene Scheune und dort eine neue Telephonleitung; am Strand ein frischgemaltes Bootshaus, aber weiter oben verrostete Drahtseile; auf der einen Seite eingestürzte Dächer, auf der andern gemähte Wiesen.

Nur der Marktflecken hatte sich nach seiner eigenen Logik verändert. An der Stelle des windschiefen Kiosks, der den Ort früher mit allen Segnungen der Zivilisation versehen hatte, mit Obst, Zeitungen, Schokolade, Eiskrem und Benzin, stand ein riesiger Supermarkt; die Sparbank hatte neu gebaut und Datensichtgeräte für die Schalterhalle angeschafft; das Hotel trumpfte mit einer riesigen Lobby auf; die Krankenkasse hatte ihre Bürofläche verdreifacht; die schönsten und ältesten Holzhäuser waren abgerissen; das Möbelwerk war der Pleite nahe; die Hemdenfabrik hatte aufgegeben; und der allgemeine Wohlstand hatte sich vermehrt.

Die alte Anna war längst gestorben. Ihre Enkelin, eine Studentin der Fischmedizin, lud mich zu einer Spazierfahrt in ihrem alten Mini ein. Unterwegs wurde ich in die Geheimnisse der neuesten Wachstumsindustrie des Landes eingeweiht: der Aquakultur, und ich erfuhr einiges über die bakteriologischen Probleme, die bei der Lachs- und Dorschzucht in den norwegischen Fjorden auftreten. Wir fuhren eine neue Straße, die über ein Hochmoor zu einem jener Einödhöfe führte, die früher keine Wegverbindung zur Außenwelt hatten. Sie war gesäumt von kleinen, neuen Sommerhütten und von Touristenkabinen, die in Reih und Glied auf ihre Mieter warteten. Bunte Schilder wiesen auf nahe Skilifts und Parkplätze hin. Reklametafeln warben für "Berg-Zentren", "Jugend-Zentren" und "Freiluft-Zentren". Sonnenanbeter, weiß wie Brotteig, hatten sich in der Nähe ihrer Volvos niedergelassen. Vor einer nagelneuen Bretterbude, die die kuriose Bezeichnung "Lesothek" im Schilde führte, legten wir eine Pause ein. Ich hatte genug über die Stoffwechselkrankheiten und Allergien der Lachse gehört und fragte meine Gastgeberin, was aus den legendären Bergbauernhöfen geworden war.

"In Akernes haben sie schon 1958 aufgegeben. Auf Espenhjelle und Skjortnes hielten sie bis in die sechziger Jahre durch. Vidhammer war, glaube ich, bis 1968 und Nedsteholmen bis 1970 bewohnt. Aber der hartnäckigste von allen war der junge Bauer auf Skrenakken. Als die andern alle ins Tal zogen, baute er sich noch einen neuen Kuhstall, und 1973 hat er sich aus lauter Trotz einen Hubschrauber gemietet und einen Traktor auf den Hof fliegen lassen. Dann ist ihm das Geld ausgegangen. Er war der letzte. Seinen Traktor und seine Ölfässer hat er dalassen müssen."

"Aber manche der alten Höfe sehen tadellos frisch gemalt aus, und da und dort habe ich ein Boot am Steg liegen sehen."

"Ja, weißt du, die meisten von uns kommen heute noch jeden Sommer hierher. Ich auch. Wir haben sogar einen Verein gegründet. Alle Jahre wird einer der Einödhöfe restauriert. Wir wollen nicht, daß das alles zugrunde geht."

Norwegische Anachronismen

"Aber was macht ihr denn mit euern Höfen?" "Die einen haben ein altes Fischrecht, die andern ein paar Kartoffeln, ein paar Schafe, oder sie pflücken Beeren und kochen sie ein. Manche, die in die Stadt gezogen sind, kommen von weit her."

"Und was machen sie in der Stadt?"

"Der eine ist Sozialarbeiter geworden, der andere Heizungsingenieur, und der Sohn unseres Nachbarn hat einen Videoladen aufgemacht. Wir treffen uns jeden Sommer. Ich habe das Gefühl, als hätten wir hier oben etwas zurückgelassen. Nein, ich weiß nicht, was es ist! Schau mich nicht so blöde an! Fahren wir weiter?"

Wir fuhren weiter, aber von der alten Leiter fanden wir keine Spur.

Gemischte Gefühle

"Das Ölfeld Statfjord A produziert Geld für Norwegen in einem derartigen Tempo, daß die Nationalbank kaum mit dem Drucken nachkommt." ("Statfjord A produserer penger for Norge nesten like raskt som Norges Bank trykker dem.") Unter dieser Schlagzeile ließ der amerikanische Mineralölkonzern Mobil in der größten Osloer Tageszeitung eine ganzseitige Anzeige erscheinen. Sechs große Farbfotos zeigen den Ablauf eines Tages auf einer riesigen Ölplattform in der Nordsee. Am Fuß der Seite wenden sich die Werbetexter direkt an den Leser: "Stell dir vor, dieses Ölfeld wäre eine Notenpresse, die Hundert-Kronen-Scheine druckt. Pro Sekunde kommen sieben neue Hunderter aus der Maschine, schneller als du mit den Fingern auf der Tischplatte trommeln kannst. In einem Tag spuckt sie 64 Millionen Kronen aus, in einem Jahr zwanzig Milliarden. In den nächsten dreißig Jahren wird diese Notenpresse 24 Stunden am Tag ununterbrochen arbeiten ... Statfjord A ist die produktivste Ölplattform der Welt und zugleich die bedeutendste einzelne Einnahmequelle, über die Norwegen verfügt."

Daß sich die Manager der Mobil mit dieser Jubelbotschaft viele neue Freunde erworben haben, möchte ich bezweifeln. Im Finanzministerium, wo man seit Jahren versucht, der Inflation Herr zu werden, sah man diskret hochgezogene Augenbrauen. Im Haushaltsausschuß, wo seit Jahr und Tag nur noch von Kürzungen und Engpässen die Rede ist, zuckte man resigniert die Achseln.

Norwegische Anachronismen

Die P.R.-Leute der Ölmultis sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Denn obwohl es nun schon fast fünfzehn Jahre her ist, daß das erste Faß Öl aus dem Ekofisk-Feld vor der norwegischen Küste kam; obwohl die nachgewiesenen Öl- und Gasreserven auf dem Festlandssockel einen Wert von 5400 Milliarden Mark erreicht haben; obwohl die ganz Welt das Land um seine heutigen und noch mehr um seine künftigen Überschüsse beneidet, sieht es ganz so aus, als würden die Norweger ihres plötzlichen Reichtums nicht recht froh. Eine kleine private Umfrage, die ich veranstaltet habe, lieferte jedenfalls eigentümlich zwiespältige, süßsaure Antworten:

So tief sind wir also gesunken, daß wir dieses Zeug brauchen! (Landwirtschaftsstudentin).

Das Öl bringt alles durcheinander, aber es löst keines unserer Probleme. Wenn es hoch kommt, sind zwei Prozent aller Norweger in dieser Industrie beschäftigt. Und was wird aus den andern? (Exportkaufmann).

Eine Sauerei, die auf die Dauer unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. In zwanzig Jahren wird die Nordsee eine einzige Kloake sein (Lehrer).

Glück muß der Mensch haben! Die Funde kamen genau im richtigen Augenblick. Ohne das Öl wäre Norwegen nämlich längst pleite gegangen (Steuerberater).

Die Arbeit auf den Plattformen ist lebensgefährlich. Die Leute werden gut bezahlt, aber dafür leben sie in der Hölle (Gewerkschafter).

Die Leute im Ölgeschäft verdienen zuviel Geld. Mit der Gleichheit in diesem Land, auf die wir so stolz waren, ist es vorbei (Apothekerin).

Norwegische Anachronismen

In fünfzig Jahren, wenn wir die Nordsee leergepumpt haben, stehen wir mit leeren Händen da (Bauer).

Zum erstenmal kann uns das Ausland nicht mehr auf der Nase herumtanzen. Unser Gewicht in der Welt hat zugenommen. Ein ganz neues Gefühl! (Postbeamter).

Wir brauchen mehr Altersheime und Krankenhäuser. Ohne die Öleinnahmen könnten wir das gar nicht finanzieren (Gemeinderat).

Die multinationalen Konzerne machen doch, was sie wollen. Die Norweger sind so dumm, daß sie gar nicht merken, wie sie aufs Kreuz gelegt werden! (Schüler).

Im Vergleich zu den Ländern der Dritten Welt geht es uns ohnehin viel zu gut, und jetzt bereichern wir uns noch, indem wir ihnen das Geld aus der Tasche ziehen (Hausfrau).

Die norwegische Gesellschaft ist süchtig, ohne es zu wissen. Das Öl ist unser Heroin, und unser Staat ist ein Fixer, der dauernd seine Dosis steigert. Bis zum Ende des Jahrhunderts wollen unsere Politiker die Produktion verdreifachen! (Psychiater).

Ich verstehe die Leute nicht! Aber was wollen Sie, so sind die Norweger: puritanische Grübler, voller Masochismus und Gewissensskrupel. Statt daß sie sich freuen, daß es endlich wieder aufwärts geht! Wir haben alles unter Kontrolle (Rechtsanwalt),

Norwegische Anachronismen

Alles ein ausgemachter Schwindel! In den Zeitungen schreiben sie von Milliarden und Billionen, und ich kann meine Miete nicht zahlen! Ein Liter Benzin kostet eine Mark achtzig, und neulich habe ich gehört, daß sie den Preis schon wieder raufsetzen wollen! Im Fernsehen zeigen sie wunderbare Diagramme, die beweisen, daß wir in Geld schwimmen, und dann tritt einer dieser Politiker-Clowns vor die Kamera, setzt eine Leichenbittermiene auf und verkündet: Liebe Landsleute, wir müssen den Gürtel enger schnallen! (Sozialhelferin).

Was alles norwegisch ist

Auszug aus dem Telefonbuch von Oslo:

Norwegischer Kompost, AG

Norwegische Krawatten, AG

Norwegisches Balalaikaorchester

Norwegische Anachronismen

Der norwegische Damen- und Herrenfriseur

Die norwegische Froschmännerschule

Norwegische Säcke Co.

Norwegisches Hundefutter, AG

Norwegischer Glücksspiel-Service

Norwegisches Nähzubehör, AG

Norwegischer Pflanzenleim, AG

Norwegische Anachronismen

Norwegisches Unterwäsche-Magazin

Ein norwegischer Dichter, der so norwegisch wie nur möglich war – er hat die Nationalflagge seines Landes entworfen, und kein Ausländer kennt seine merkwürdigen Schriften –, Henrik Wergeland also hat dazu bemerkt: "Es kommt darauf an, Norwegen so norwegisch wie nur möglich zu machen."

Wohin mit dem Geld?

"Wer ohne den Luxus des modernen Lebens nicht auskommen kann, der tut gut daran, Skandinavien zu meiden", schrieb Richard Lovett, ein englischer Geistlicher, in seiner Reiseschilderung The Kingdom of Norway (London 1885). Im Lauf der letzten hundert Jahre hat die Warnung von ihrer Gültigkeit wenig eingebüßt.

Schon der Flughafen von Oslo gibt mit seinen trüben Katakomben-Gängen und seinen schäbigen Abfertigungshallen dem Reisenden zu verstehen, daß er in diesem Land vor falschem Glanz und üppigen Versuchungen gefeit sein wird. Schluß mit der Verweichlichung und mit der Dekadenz, die anderswo herrschen! Nur ein Greenhorn käme auf die Idee, hier ein Auto zu mieten. Terroristische Parkverbote und drakonische Geldstrafen würden ihn alsbald eines Besseren belehren. Im Inneren des Landes erwarten ihn zugige Bahnhöfe und spartanische Hotels, die ihm meist schlichte Kost und Logis zu schreckenerregenden Preisen bieten. Deshalb sind es in der Regel wetterharte, stoische Touristen, die Norwegen bevorzugen, trainierte Naturfreunde, die sich von den Zumutungen der Konsumgesellschaft erholen wollen.

Reisende, die in der Nationalökonomie beschlagen sind, werden sich hingegen, wenn sie hierher kommen, die Augen reiben. Ich gehöre nicht zu den ökonomisch Gebildeten, und so wüßte ich nicht mit Sicherheit zu sagen, ob Norwegen das zweit-, das dritt- oder das viertreichste Land der Erde ist. Die Einstufung hängt im übrigen auch von den Moden der Indexbildung, vom Kurs des Dollars und von den Launen der Statistiker ab. Gleichgültig, welchen Platz Norwegen auf dieser Skala beanspruchen kann, so erhebt sich doch die Frage, wo dieser sagenhafte Reichtum eigentlich zu finden ist. Sicherlich verbirgt er sich nicht in den Speisen, die an den sogenannten Straßenküchen feilgeboten werden, in der robusten Kleidung der Bewohner oder in den Eistüten, die sie zur Sommers- wie zur Winterzeit in großen Mengen verzehren. Auch ziehen die meisten Norweger Kleinwagen vor, eine Wahl, in der sie eine weise Regierung bestärkt, die dafür gesorgt hat, daß Kraftfahrzeuge hierzulande doppelt so teuer sind wie anderswo.

Nein, der private Konsum gilt in Norwegen eher als ein notwendiges Übel, und nur eine haarfeine Grenze trennt ihn von lasterhafter Ausschweifung. Wo das Erlaubte endet und die Sünde beginnt, das ist ein Problem, zu dessen Entscheidung viel moralisches Feingefühl nötig ist. Eher wird der wohlhabende Bürger in einer versteckten Bucht eine 200 000-Kronen-Yacht vertäuen, als daß er es riskieren würde, seine Nachbarn mit dem ostentativen Knall eines Champagnerkorkens zu belästigen. Wer es nicht lassen kann, wird mit dem Namen eines "sossen" gestraft, ein Wort, das vermutlich von society abgeleitet ist und den Inbegriff des Verächtlichen ausdrückt. Die einzige Form der privaten Verschwendung, die allgemein gebilligt wird, ist der großzügige Umgang mit dem Platz. Eine durchschnittliche Familie findet nichts dabei, zweihundert Quadratmeter Wohnfläche zu beanspruchen, und außerhalb der Großstädte spielt die Grundstücksgröße so gut wie keine Rolle. Glückliches Land, in dem auf einen Quadratkilometer nur 12,6 Einwohner kommen und in dem eine gütige Natur dafür gesorgt hat, daß die Leute nicht aufeinander herumtrampeln!

Norwegische Anachronismen

Tun wir doch nicht so, als wüßten wir, was das Wort Lebensstandard bedeutet! Die Norweger verwenden ihren Reichtum für Dinge, von denen sich der Egoismus der Italiener, der Geiz der Franzosen, die Gier der Amerikaner und die Angeberei der Deutschen nichts träumen lassen. Die Staatsquote, gemessen am Volkseinkommen, die Säuglingssterblichkeit, die mittlere Lebenserwartung, die Zahl der Arbeitslosen, der Kindergärten und der Altersheime – das sind die Größen, an denen man in Norwegen das gute Leben mißt. Nicht der private, sondern der vergesellschaftete Reichtum ist es, der zählt.

Teuer kommt die Norweger auch ihre Entschlossenheit zu stehen, das ganze Land zu bewohnen. "Sieh dir doch einmal an, was in Schweden passiert ist!" sagte mir in Trondheim ein arbeitsloser Saxophonist. "Dort haben sie ganze Provinzen entvölkert. Kein Wunder, daß die Schweden so demoralisiert sind! Das kann man mit uns nicht machen. Ganz gleich, ob in Oslo oder am Nordkap, wir lassen uns nicht vertreiben. Da, wo die Leute sind, müssen auch Schulen und Krankenhäuser, Busse und Fähren hin." Die Infrastruktur, die dazu nötig ist, verschlingt erhebliche Ressourcen: 49 Flugplätze, die regelmäßig angeflogen werden, sind kostspieliger als zwei oder drei.

Kleinlichkeit ist das Letzte, was man den Norwegern in dieser Hinsicht nachsagen könnte. Private Verschwendung betrachten sie mit scheelen Augen, öffentlichen Luxus mit patriotischem Stolz. In einem kleinen Ort in der Provinz 0stfold sah ich, zusammen mit zwölf anderen Zuschauern, einen alten amerikanischen Film. Er lief in einem kommunalen Kino, das über 1200 herrlich gepolsterte Plätze verfügte. Und die vollklimatisierten, mit Mosaiken reich geschmückten Rathäuser, die ich in den entlegensten Teilen des Landes besucht habe, waren schlechterdings monumental. Die Lehre, die sich aus alledem ziehen läßt, ist ebenso einfach wie beruhigend: Jede menschliche Gesellschaft, jede Kultur entwickelt ihre eigene Methode, den Reichtum, über den sie verfügt, zum Fenster hinauszuwerfen. Es muß nicht immer Kaviar sein.

Machiavell in Oslo

Was uns in diesem Hause fehlt," sagte Sverre Jervell, "ist eine gesunde Portion Zynismus."

Ich traute meinen Ohren nicht; denn wir saßen in der Kantine des Königlich Norwegischen Außenministeriums, und der Mann, der vor mir saß, trug den schönen Titel eines Special Adviser for European Affairs.

"Darf ich Sie zitieren?" fragte ich. Der junge Beamte, ganz in Tweed und englischen Schuhen – ich tippte auf Harvard oder Cambridge –, lehnte sich genüßlich zurück und sagte: "Selbstverständlich. Der pausbäckige Idealismus, der hier herrscht, ist ja nicht nur mein persönliches Problem. Er ist eine Konstante der norwegischen Außenpolitik, ein Handicap, das uns auf die Dauer hilflos und unbeweglich macht. Ein französischer Politiker wird immer französische, ein Amerikaner amerikanische Interessen vertreten, schamlös, zäh und ohne Skrupel. Nur wir fühlen uns dazu berufen, die Rolle des Unschuldslamms zu spielen. Wir sind für das Gute. Wir versuchen es zu lokalisieren, und sobald wir uns einbilden, wir hätten es gefunden, tragen wir ihm unsere selbstlöse Unterstützung an. Wir boykottieren südafrikanische Orangen und israelische Kartoffeln, das kostet nicht viel und bringt uns das Gefühl ein, die Welt zu verbessern.

Norwegische Anachronismen

Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, nur ist es kein Ersatz für Außenpolitik. Ich habe nichts gegen Missionare, aber ich glaube nicht, daß ein Außenministerium der richtige Arbeitsplatz für sie ist.

Dafür geben sich meine Kollegen mit einer gewissen Inbrunst dem Umgang mit den internationalen Organisationen hin. Unser früherer Chef hier im Hause fragte einmal Lord Carrington, der damals britischer Außenminister war, wieviel Zeit er für die Vereinten Nationen aufwende. Die Antwort war: ein paar Stunden. Das norwegische Protokoll ergänzte: ein paar Stunden pro Tag. Der Engländer, der die UNO etwas nüchterner sah, hatte natürlich gemeint: ein paar Stunden pro Monat.

Ein anderes Beispiel: unser Verhältnis zu Deutschland. Es liegt in unserem langfristigen Interesse, unsere Verbindung mit den Deutschen zu verdichten. Diese Interessenlage ist eine historische Konstante, die wir nicht ändern können. Die Vernunft sagt mir also, daß die Feindseligkeit, die 1940 infolge des deutschen Überfalls entstanden ist, den Charakter einer Episode haben wird.

Wenn Hitler uns in Ruhe gelassen hätte, wären wir nie der NATO beigetreten. Die Abkehr von der Neutralität, 1949, war ein traumatischer Einschnitt. Wir mußten einsehen, daß unsere traditionelle Position aus geostrategischen Gründen unhaltbar geworden war. (Den Schweden steht diese Bekehrung noch bevor.)

Seitdem dienen uns die USA als außenpolitische Vaterfigur. Aber an dem Tage, an dem sich die Amerikaner zurückziehen oder auch nur ihre Truppen in Europa verdünnen, ist unser Problem nicht mehr: Wie halten wir die Deutschen militärisch fern? Sondern umgekehrt: Wie spannen wir sie ein, wie halten wir sie fest, wie engagieren wir sie im Norden? Es nützt uns nichts, diese Tatsache zu tabuisieren. Leider neigen wir dazu, uns etwas vorzumachen. Das gilt auch für unser Verhältnis zu Europa insgesamt."

Wir rührten in unseren Teetassen. In dem kleinen Restaurant ging es zu wie in der Kantine einer Werbeagentur oder eines Krankenhauses. Staatssekretäre und Chauffeure standen einträchtig Schlange am Selbstbedienungstresen. Sverre Jervell bekannte sich mit einem Lächeln zur Arbeiterpartei. "Hier im Hause", sagte er, "gehört der Hausmeister derselben Gesellschaft an wie der Botschafter. Darauf sind sie beide stolz. Ich habe nichts dagegen. Aber wir können nicht erwarten, daß am Quai d’Orsay oder in Washington dieselben Regeln gelten, ganz zu schweigen vom Moskauer Außenministerium.

Unsere Vorliebe für die Gleichheit, unsere Konfliktscheu, unsere Leistungsangst, unser Harmoniebedürfnis – das alles hat seine angenehmen Seiten. Aber unser Wertsystem ist eine Ausnahme. Die norwegischen Tugenden und Defekte sind eine periphere Angelegenheit. Sie lassen sich nicht verallgemeinern. Norwegen ist, so unglaublich das für die Norweger klingt, nicht der Nabel der Welt."

Norwegische Anachronismen

Altertümer aus dem Norden. Einige Faksimiles

Im Februar 1982 läutete bei dem norwegischen Forschungsreisenden Helge Ingstad das Telephon. Ingstad, der heute über achtzig Jahre alt ist, hat ein abenteuerliches Leben als Pelztierjäger, stellvertretender Gouverneur auf Spitzbergen, Widerstandskämpfer, Archäologe, Jurist, Schriftsteller und Ethnologe hinter sich. Er wohnt ziemlich zurückgezogen auf dem Vettakollen im Norden von Oslo.

Der Anruf kam aus Anaktuvuk Pass, einer Eskimosiedlung tausend Kilometer nordwestlich von Fairbanks, Alaska. Es meldete sich ein Mann, der sich Roosevelt nannte. Er stellte sich als Sohn des Häuptlings Roosevelt Simon vor. Helge Ingstad war mit diesem Häuptling befreundet, seitdem er einen Winter bei den Nunamuits zugebracht hatte, einem Stamm von ungefähr 150 Leuten, die fern jeder Zivilisation als Jäger und Fallensteller in den Brooks-Bergen lebten. Das war in den Jahren 1949/50. Der Norweger, der mit dem Flugzeug eines Pelzhändlers gelandet war, hatte eine Filmkamera und ein Tonbandgerät mitgebracht. Den ganzen Winter lang war er damit beschäftigt, die Sprache und die Bräuche, die Kleider und die Jagdtechniken, die Werkzeuge und die Rituale, die Lieder und die Sagen dieses winzigen Volkes minuziös aufzuzeichnen. Sein Buch über die Nunamuits erschien 1951 und wurde in Norwegen zu einem Bestseller.

Ein halbes Menschenalter später verfügten die Nachfahren dieser Eskimos über Farbfernseher und Motorschlitten. Anaktuvuk Pass hatte eine regelmäßige Flugverbindung und war über Richtfunk an das internationale Selbstwahl-Telephonnetz angeschlossen. Roosevelt Paneaq, der Sohn des alten Häuptlings, berichtete dem Norweger von seinem jüngsten Projekt: Er wollte in der neuen Schule, die aus den Nutzungsgebühren für die Alaska-Pipeline finanziert worden war, ein Museum einrichten. Dabei hatte sich allerdings herausgestellt, daß die Dinge, die er dort aufbewahren wollte, im Lauf von dreieinhalb Jahrzehnten bis auf geringfügige Spuren verschwunden waren. Der künftige Museumsdirektor meldete sich zu einem Besuch in Oslo an und konnte dort, aus der Hand des norwegischen Ethnographen, eine komplette Kopie seiner verlorenen Kultur in Empfang nehmen.

Auf dem Ullandhaug, einem Hügel in der Umgebung von Stavanger, gleich neben einem zwölfstöckigen Hochhaus-Wohnblock, dessen Dach eine riesige Parabol-Antenne schmückt, haben norwegische Archäologen eine Siedlung aus der Eisenzeit gefunden. Leider förderten ihre Grabungen nur kümmerliche Reste zutage, und so beschlossen die Wissenschaftler, der Phantasie des Publikums auf die Sprünge zu helfen. Aus groben Steinen errichteten sie ein paar langgestreckte, niedrige Behausungen. Die Dächer sind mit Erde gedeckt. Ein Loch dient als Rauchabzug. Im Innern wurden die Neubauten aus der Eisenzeit mit einer Feuerstelle und mit kleingehacktem, säuberlich gestapeltem Brennholz versehen. Ein paar einfache Werkzeuge, Webstühle mit steinernen Zuggewichten und mit Fellen ausgelegte Holzpritschen vervollständigen die Einrichtung.

Der Sinn dieser sonderbaren Denkmäler liegt, auf der Hand: Hier ist es der Wissenschaft gelungen, den norwegischen Ferientraum vom einfachen Leben in die Vorgeschichte zurückzuverlegen.

Kinder in bunten Anoraks kommen aus der niedrigen Tür hervorgekrabbelt, gefolgt von einer älteren, bebrillten Lehrerin, die stillvergnügt vor sich hinlächelt: Da seht ihr, wie natürlich, wie behaglich, wie echt Unsere Vorfahren vor 1500 Jahren gelebt haben!

Norwegische Anachronismen

Es war einmal, und das ist schon zweihundert Jahre her, ein Bauernsohn aus dem Hallingdal, der konnte in seiner Heimat kein Auskommen finden, und deshalb ging er in die Stadt Bergen und wurde Postkutscher. Dieser Jørgen Garnaas war von einer merkwürdigen Leidenschaft ergriffen. Er verwandte jede seiner freien Stunden darauf, seine Landsleute, so wie er sie auf den Poststationen traf, in Holz zu schnitzen, und zwar nicht Bischöfe, Kronvögte und Amtsmänner, sondern Bauern und Fischer, je gewöhnlicher desto besser, mitsamt ihren Hüten, Hauben, Bändern, Schürzen, Brusttüchern und Schuhen, ganz genau und getreulich bis auf den letzten Knopf.

Seine Kunst sprach sich herum, und eines Tages kam ein Brief aus Kopenhagen, der an ihn adressiert war, mit der Aufforderung, er möge sich in der Hauptstadt vorstellen. Dort bot man ihm gutes Geld an und bat ihn, mit seinem Werk fortzufahren. Diesmal aber sollte er seine Norweger in Elfenbein schnitzen. Der König aller Dänen, der damals auch der König aller Norweger war, ließ sich die Statuetten zeigen. "Seine Majestät betrachtete", wie das Protokoll vermerkt, "die Bildnisse seiner treuen und tapferen Norweger mit Vergnügen." Dann rief er seinen Hofbildhauer zu sich, einen Deutschen namens Johann Gottfried Grund, der nicht sonderlich begabt war, stellte ihm die kleinen Kunstwerke des Postkutschers vor und wies ihn an, nach ihrem Vorbild, so gut er konnte, eine Reihe von lebensgroßen Sandstein-Statuen zu schaffen, einundsechzig an der Zahl.

Unter den hohen Buchen des Parks von Fredensborg in Nordseeland, der Sommerresidenz der dänischen Königin, kann man sie heute noch, im Halbkreis um eine kleine Siegessäule gruppiert, besichtigen. Eine ziemlich rätselhafte Versammlung: Handelt es sich nur um eine Rokoko-Laune – oder um das erste ethnographische Freilicht-Museum der Welt? Zweifellos hatten die vornehmen Herrschaften ihren Rousseau gelesen, und wenn sie des Hofzeremoniells müde waren, gingen sie wohl gern im Kreise ihrer steinernen Untertanen spazieren, deren einfaches Leben sie vermutlich für viel "natürlicher" und "ursprünglicher" hielten als ihre eigene Existenz.

Das Norwegertal im Schloßpark liegt heute bemoost und verlassen da, aber im 19. Jahrhundert erfreute es sich einer nicht ganz geheuren Beliebtheit. Die Königliche Porzellan-Manufaktur in Kopenhagen machte sich alsbald den Reiz der guten Wilden aus dem Norden zunutze und brachte die Bauern und Fischer des Postkutschers Jörgen Garnaas als bemalte Nippesfiguren auf den Markt, und schließlich sanken die kleinen Hinterwäldler in die Sphäre der Trivialkultur ab und lebten als Spielzeugpuppen und Zinnfiguren in dänischen Kinderzimmern fort. Doch auch damit waren sie noch nicht am Ende ihrer historischen Karriere angelangt.

Wenn am 17. Mai, dem Nationalfeiertag der Norweger, König Olav V. auf dem Balkon des Schlosses wie ein greiser Zauberer seinen Zylinderhut schwenkt, als wollte er die Vergangenheit des Landes aus ihrem Schlafe wecken, kann man in der vielköpfigen Menschenmenge Damen aus der Osloer Gesellschaft, aber auch alternative Teenager sehen, die Bauerntrachten aus dem Trøndelag oder dem Gudbrandsdal tragen. Auch auf mancher Hochzeit, besonders wenn die Braut ökologisch angehaucht, der Bräutigam marxistisch-leninistisch bewegt ist, zeigen sich Paar und Gäste gern in altertümlichen Kostümen.

Nicht um Erbstücke handelt es sich, sondern um nagelneue Kleider, hergestellt in wochen- oder monatelanger Handarbeit, wobei sorgfältig, je nachdem, aus welchem Teil des Landes die Träger kommen, darauf geachtet wird, daß jedes Detail stimmt. Diese Forderung ist nicht immer leicht zu erfüllen. In manchen Fällen müssen volkskundliche Spezialwerke zu Rate gezogen werden; denn es gibt Trachten, die seit langem ausgestorben sind. Einige unter ihnen ließen sich nur an Hand der steinernen Vorfahren aus dem Norwegertal rekonstruieren. Sie verdanken ihr Fortleben einer Kette von merkwürdigen Begebenheiten: dem Eifer eines armen Postkutschers, dem Fleiß eines deutschen Bildhauers und der Grille eines dänischen Königs.

Eine kleine Oslo-Rhapsodie

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Alle sind gegen Oslo. Oslo wird kurzgehalten. Oslo ist arm. Oslo hat nichts zu sagen. Die Norweger mögen ihre Hauptstadt nicht. Jeder sechste Einwohner des Landes lebt in ihrem Einzugsbereich. Um so schlimmer! Oslo, das gemütliche Oslo, ist ihnen zu groß. Alles, was zu groß ist, mißfällt ihnen. Zu viele Leute auf einem Haufen, zu hohe Häuser, zuviel Geld, zuviel Macht, zu viele Ampeln, Fremdwörter, Lichtreklamen, Ausländer, Alkoholiker, Beamte und Huren. Haß, das wäre zuviel gesagt. Haß, das wäre zu simpel. Es ist ja nur ein stiller Vorbehalt, ein dumpfer Argwohn, eine pharisäerhafte, neidische, vorwurfsvolle, alte Mißgunst.

Mir allerdings gefällt Oslo. Ich meine nicht die ordentliche, intakte kleine Residenzstadt, die Metropole en miniature, die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ganze 8000 Einwohner hatte; nicht das berühmte Karree, in dessen Zentrum, genau zwischen dem Schloß auf der einen und dem Parlament auf der andern Seite das Nationaltheater steht, beschützt von der heiligen Dreifaltigkeit der norwegischen Kultur: Holberg Björnson Ibsen in Bronze; nicht die berühmte Karl-Johan-Promenade, auf der, zwischen der Freimaurerloge und dem besten Restaurant der Stadt, Äthiopier trommeln, amerikanische Touristen flanieren und lallende Arbeitslose vorsichtig an den Trauben der jeunesse dorée vorbeitaumeln;

Ich meine nicht einmal das wohlbehütete Westend-Oslo, die bürgerlichen Mietshäuser und Villen an der Bygdøy-Allé und am Frognerveien ("die einzige deutsche Stadt der Gründerzeit, die den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt überstanden hat", sagte eine kluge Architekturhistorikerin, mit der ich dort spazieren ging); und erst recht nicht meine ich das neue Oslo der achtziger Jahre mit seinen Hochhäusern, den Glasklötzen der Hotels und der Ölgesellschaften, der Sozialämter, der Shopping Center, der glitzernden Kulturbunker und der trostlosen Banken; und am allerwenigsten das Oslo der am Reißbrett entworfenen Vorstadtsiedlungen mit ihren öden Zubringerstraßen und Erziehungsfabriken.

Es ist das ungleichzeitige, das schmutzige, unaufgeräumte, chaotische Oslo, das mir gefällt, eine Staat, die sich ihrer Haut zu wehren weiß. Hier hat der moderne Städtebau eine Schlappe nach der anderen erlitten. Der Vandalismus der Planer, dem es gelungen ist, die Innenstadt Stockholms auszulöschen, ist an der vitalen Schlamperei, am eigensinnigen Durcheinander Oslos kläglich gescheitert. Hier hatte die technokratische Zwangsvorstellung von der "autogerechten" Stadt nie eine Chance.

Und so findet man heute noch, ein paar Schritte weit von den Zentren der politischen und ökonomischen Macht entfernt, die Relikte einer Lebenswelt, die sich jeder Rationalisierung widersetzt: altertümliche Läden, die Eisenwaren, Schürzen und Hüte feilbieten; Hinterhöfe mit kleinen Druckereien, deren stampfender Maschinenlärm noch in dem benachbarten Café zu hören ist, das den ehrwürdigen Namen "Christianias Dampfküche" trägt; angestaubte Bingohallen und alte Brauereien und obskure chinesische Restaurants und Spiegel-Magazine mit blinden Fenstern. Ein prachtvoller alter Kinoeingang, der mit einem kupfernen Baldachin geschmückt ist, trägt die verheißungsvolle Leuchtschrift LDORADO, und in den letzten fünfzehn Jahren hat niemand sich die Mühe gemacht, den abgestürzten Buchstaben E zu erneuern.

Vor Prinds Christians Minde, einem Altersheim aus dem 18. Jahrhundert, sitzen auf einer baufälligen Bank stoppelbärtige Rentner, die vielleicht vor dreißig Jahren unter norwegischer Flagge als Heizer oder Maschinisten nach Shanghai und Valparaiso fuhren, und trinken ein Bier nach dem andern aus der Flasche. Beim Goldschmied nebenan kann man immer noch die runen- und rosenbesetzten Tauflöffel im Drachenstil kaufen, die früher in jedem Bauernhaus des Landes zu finden waren. Im Hof eines zweistöckigen Holzhauses führt eine wacklige Treppe zu den Pawlatschen, wo gebrauchte Kleider verkauft werden und ein weißhaariger Zimmermann seine Werkstatt hat. Ein wenig weiter, in der Skippergate, finde ich ein Denkmal ganz besonderer Art wieder: dieser schmuddlige Parkplatz hier erinnert an den Häuserkampf in Oslo, und daran, daß es auch hierzulande stumpfsinnige Stadtväter und brutale Polizisten gibt.

Oslo ist roh, aber es kann auch brav sein. Oslo ist die Sünde, aber auch die Erlösung. Der fromme Besucher braucht nur die Zeitung aufzuschlagen, und er wird, unter der Rubrik "Versammlungen und Unterhaltung", alles finden, was sein Herz begehrt: das Volkshaus Zion, den Weckruf,das Freie Bethel, das Neue Leben, die Immanuelkirche, die Zentralkirche, die Pfingstfreunde, die Heilsarmee, die Blaukreuzler, das Tabernakel, die Baptisten, die Innere Mission, die Adventisten des Siebenten Tages, Philadelphia und Salem, Saron und Ebenezer, Maran Ata und Bethlehem ...

Norwegische Anachronismen

Mein Lieblingsladen aber heißt "Die Quelle der Freude". Er liegt schräg gegenüber von dem grauen, hohen, ausdruckslosen Betonriegel, der die norwegische Regierung beherbergt. Es gibt hier Salz aus dem Roten Meer zu kaufen, das gegen Rheuma und Ekzeme hilft, Aschbecher mit aufgedrucktem Vaterunser, Streitschriften, die dem Rock and Roll die Maske vom Gesicht reißen, und was kommt dahinter, für dreißig Kronen, zum Vorschein? Die Fratze des Satans!

Außerdem aber ist "Die Quelle der Freude" auch noch ein ganz gewöhnlicher Papierladen, und sollten dem Kultusminister drüben im Regierungshochhaus einmal die Kugelschreiber ausgehen, so braucht er nur die Straße zu überqueren, und die beiden alten Damen hinter der Theke werden ihm mit strahlendem Lächeln einen rosafarbenen Stift verkaufen, auf dem mit goldenen Lettern geschrieben steht: "Gottes Frieden".

Und wenn er spät am Abend sein Büro verläßt, braucht er nur ein paar hundert Schritte weiterzugehen, um im "Altersheim" der Jazzfans aus den fünfziger Jahren ein kleines Helles zu zischen. Dort spielt Chet Baker, das Gesicht von Drogen verwüstet, vor einem gemischten Publikum. Versonnen lauscht die ergraute Bildhauerin seinen Evergreens, Mädchen mit Zöpfen und Rucksäcken stehen an der Theke, langhaarige Freaks in schwarzen bäuerlichen Sonntagswesten vom Flohmarkt tuscheln mit Lolitas im weißen und rosafarbenen Freizeit-Look, und der schmale Jüngling dort drüben, der elegisch an seinem Glas nippt, ist vielleicht der norwegische Handke.

Alles in allem wird man, mit einer gewissen Befriedigung, feststellen: Dem Projekt einer durchgreifenden Modernisierung Oslos war kein Erfolg beschieden. Kenner des norwegischen Gemüts wird dieses Resultat schwerlich überraschen. Da Städteplaner zur Unbelehrbarkeit neigen, können sie sich allerdings mit solchen Einsichten nicht abfinden. Auch in Oslo klammern sie sich an ihre Bulldozer-Phantasien. Ihr neuester Triumph ist die Errichtung eines neuen Bahnhofs, einer großen dunkelroten Schachtel, deren Inneres mit Rollsteigen versehen ist und an den Flughafen einer lateinamerikanischen Kapitale erinnert. Aber auch in diesem Fall hat das unverwüstliche, vergammelte Oslo über seine Widersacher gesiegt: die Planer konnten zwar ein weites Terrain verwüsten, doch den alten Ostbahnhof mit seiner würdevollen Fassade, seinen gußeisernen Säulen und seiner klassischen Stahl- und Glaskonstruktion mußten sie stehenlassen.

Überhaupt wirken die Leute, die nach wie vor an der unlösbaren Aufgabe arbeiten, aus Oslo eine rationelle Stadt zu machen, lustlos und abgeschlagen. Der Elan und das Pathos ihrer begabteren Vorgänger ist ihnen abhanden gekommen. Damals, vor fünfzig Jahren, sah es nämlich eine Weile so aus, als sollte auch in Norwegen der nackte Fortschritt siegen. Die Bannerträger des Funktionalismus (den der Volksmund in Skandinavien "Funkis" nennt), waren entschlossen, durch den Wirrwarr der Stadt breite sozialistische Schneisen zu legen. Sie wollten der Arbeiterklasse Licht, Luft und Sonne, und die Kunst dem Volke bringen. Von diesem Menschheitstraum zeugt nicht nur das monumentale Klinker-Rathaus mit seinen grauenvollen Skulpturen, sondern auch der prächtige Palast der Gewerkschaften am Youngstorget. Zwei alte Inschriften an der Mittelachse des Turmaufbaus verkünden heute noch das ideologische Programm: "Arbeiterblatt", und darunter: "Die norwegische Oper". Aber diese strahlende Zukunftsvision ist nur noch eine Reminiszenz. Die Läden und Fassaden, Schriftzüge und Türgriffe der dreißiger Jahre verwandeln sich langsam, aber sicher in Sehenswürdigkeiten. Das schönste Produkt dieser Zeit, eine Inkunabel der Chrom-Epoche, steht tausendfach, aber unbeachtet an allen Straßenecken vom Osloer Rathausplatz bis zum Nordkap. Es ist die eleganteste Telefonzelle der Welt, krapprot und zinkfarben, entworfen von einem Architekten namens Fasting im Jahre 1936.

Per Marstrander aber, der gute alte Per Marstrander, hat dem großen Staubsauger der Modernisierung bis heute widerstanden. Er ist immer noch da, unscheinbar und schwer zu besiegen wie eine Romanfigur von Kielland, Hamsun oder Kinck. Am Rosenkrantz-Platz, keine zweihundert Meter vom Storting entfernt, steht ein baufälliges, kleines, graues Haus. Die Schaufenster des Buch-Cafes im Erdgeschoß zeigen allerhand revolutionäre Plakate aus Afrika und El Salvador. Auf den Milchglasscheiben im ersten Stock aber liest man in verliehenen Lettern: "Per Marstrander, Falsche Zähne und Gebißreparaturen, Eingang um die Ecke, Geschäftszeit von 8-16 Uhr."

Die ächzende Treppe aus dem Jahr 1890 ist schon lang nicht mehr frisch angemalt worden, die Türklingel ist kaputt, streng riecht es im Korridor, ein Graffito mahnt den Besucher: Lev fritt! Lebe frei!, und im Zimmer neben der Ordination des Herrn Marstrander hat der Kinder- und Jugend-Gesangverein von Oslo seinen Sitz.

Norwegische Anachronismen

Die Schattenboxer

Der Anblick dieses bescheidenen Türschildes ließ mich nicht ungerührt. So unscheinbar das Hauptquartier des Kinder- und Jugend-Gesangvereins sein mochte – ich habe dort, trotz wiederholter Versuche, nie eine lebende Person angetroffen, weder einen Vorsitzenden noch einen Kassenwart, ja nicht einmal eine freiwillige Helferin, die sich die Zeit damit vertrieben hätte, Kreuzworträtsel zu lösen, und deshalb wüßte ich nicht zu sagen, was sich hinter der schlichten gelblichen Tür verbirgt –, so sehr gab mir seine Existenz zu denken. Es war ja nicht der einzige freiwillige Zusammenschluß freier Bürger, auf den ich, durch die Hauptstadt spazierend, gestoßen war. Es schien mir in Oslo von solchen Organisationen geradezu zu wimmeln. Manche davon hielten in prächtigen Sandsteinvillen Hof, andere verbargen sich hinter Briefkästen, die offenbar nie geleert wurden, denn sie steckten voller alter Postwurfsendungen, die sich im Lauf vieler Wochen angesammelt hatten.

Norwegen hat ungefähr so viele Einwohner wie Detroit, Shenyang, Madras oder Bogotà, nämlich rund vier Millionen, aber zugleich verfügt das Land über schätzungsweise dreißig Millionen Mitglieder. Niemand auf der Welt ist besser organisiert. Ihre siebenfache Zugehörigkeit scheint die Norweger zu entzücken. Mindestens aber verschafft sie. ihnen Befriedigung und Entlastung. Anders wäre das reiche Angebot an Kirchen und Vereinen, Berufsverbänden und Gewerkschaften, Sportklubs und Logen, Sekten und Gesellschaften zu allen denkbaren Zwecken nicht zu erklären. Ich kann diese Vielfalt nicht erschöpfend beschreiben und muß mich mit einer kleinen Auswahl jener nationalen Vereinigungen begnügen, die ich auf meinen Streifzügen angetroffen habe: den Verband der christlichen Ärzte, der Hundeführer, der Jagd-, der Schäfer- und der Schlittenhundfreunde; der Seifen- und der Schachtelfabrikanten; der Sportler, der behinderten Sportler, der tauben Sportler, der Gymnastiktreibenden und der weiblichen Gymnastiklehrer; den Verband der Großhändler, in dessen großzügigem Schoß auch die Verbände der Röhren-, Uhren- und Obstgroßhändler Platz gefunden haben; die Landesorganisationen der Parapsychologen, der Ziegenzüchter, der Gegner von Fluorzusätzen im Trinkwasser, der Lärmgegner, der Pendler, der Abstinenzler und der Totalabstinenzler (die einander vermutlich erbittert bekämpfen); je für sich und wohl voneinander zu unterscheiden die Verbände der Filmkritiker, der Literaturkritiker, der Musikkritiker, der Theaterkritiker, der Gefängnisbeamten, der Anhänger des Tae-Kwon-Do (was immer das sein mag), der Verband der Boxer und, wohlgemerkt, der von diesem gänzlich unabhängige Verband der Berufsboxer.

Nur: Wie viele Berufsboxer mag es in Oslo geben? Brauchen die ein eigenes Büro, eine Mitgliederkartei, einen Vorsitzenden, einen Schriftführer, einen Briefkopf? Könnten sie sich nicht einfach so treffen, ohne Tagesordnung, am Donnerstagabend, in ihrer Stammkneipe? Naive Fragen! Denn wer sollte dann die Sache der Berufsboxer in die Hand nehmen, ihre Interessen vertreten, ihre berechtigten Forderungen durchsetzen? Das gäbe ja ein schönes Durcheinander, wenn die Hundeführer und die Parapsychologen einzeln, jeder für sich, ihre Ansichten und ihre Wünsche äußern wollten! Wieviel vernünftiger ist es doch, wenn sie sich in einem Verband zusammenschließen, der ihre Meinungen zu einem handlichen kleinen Paket bündelt, ja geradezu in den Stand einer Welt- und Lebensanschauung erhebt!

Das ist nicht nur das gute Recht der Boxer und der Schachtelfabrikanten, es ist die Vorschule der Demokratie, und es hat darüber hinaus noch einen weiteren Vorteil: denn aus dem Munde der Verbände spricht nicht der verpönte Egoismus, die nackte Selbstsucht des einzelnen, sondern die solidarische Überzeugung eines Kollektivs. Das Mitglied stützt seinen Verein, und der Verein stützt sein Mitglied: einer für alle, alle für einen. Der einzelne Norweger findet es unschicklich, Krach zu schlagen, seine Nachbarn mit Forderungen zu überziehen und auf Privilegien herumzureiten. Um so dringender ist er auf seinen Verband angewiesen, denn der ist immer im Recht. Er darf das Blaue vom Himmel herunter verlangen und nach Herzenslust auf den Tisch hauen.

Korporativismus nennen die Soziologen das und zucken resigniert die Achseln; Segmentierung der Macht, Erosion des politischen Systems, Gruppenegoismus. Wahrscheinlich denken sie dabei weniger an den Kinder- und Jugend-Gesangverein am Rosenkrantz-Platz, sondern an die mächtigen zentralen Arbeitgeber- und Gewerkschaftsorganisationen. Aber ist es mit denen wirklich so weit her? 60 Prozent aller Arbeitnehmer, die gewerkschaftlich organisiert sind, haben mit dem großen Dachverband LO nichts mehr zu tun. Den einst allmächtigen Gewerkschaftsbund nennt der offizielle Schlichter (riksmeglingsmann) Björn Haug "einen Koloß auf tönernen Füßen", und der Informationschef des staatlichen Ölkonzerns Statoil bezeichnet ihn kurzerhand als einen "Rentnerverein". Die Ölarbeiter auf dem Kontinentalsockel gehören mindestens siebzehn verschiedenen, voneinander unabhängigen Gewerkschaften an. Auch die Unternehmerverbände hadern gern und oft miteinander.

Ich kann mir natürlich über diese Dinge kein Urteil erlauben, aber ich habe den Eindruck, daß die Norweger ihre Organisationen um so inniger lieben, je kleiner sie sind. Vielleicht ist der Umgang mit ihnen deshalb so angenehm, weil sie ihre sozialen Untugenden an die Vereinigungen delegieren. Als Mitglied kann man seine ganze Verbohrtheit, Streitsucht und Wichtigtuerei an der Garderobe abgeben und sicher sein, sie in der Schlußresolution, in geläuterter Form, wiederzufinden. Nach der Abstimmung gehen sogar die Berufsboxer als bessere Menschen nach Hause, die keiner Fliege etwas zuleide tun wollen.

Norwegische Anachronismen

Die Erfindung Norwegens

Wir saßen zu fünft vor einer gewaltigen spaghettata. Der Inhalt der Schüssel verriet mir, welche großen Fortschritte die Zivilisation in diesem Teil der Welt gemacht hatte, Die Spaghetti waren nämlich tatsächlich Spaghetti, nicht jener griesige, klebrige, graue Nudel-Ersatz, der früher im Norden gang und gäbe war; der Weißwein, der auf dem Tisch stand, war gut und kalt; und über der Sauce schwebte ein leichter Duft nach Knoblauch und Oregano.

Die Wohngemeinschaft, in der ich gelandet war, kam mir vergnügt und weitläufig vor. Die Studentinnen, die hier lebten, waren unter dem Namen "Die drei Schwestern" bekannt, obwohl sie miteinander nicht verwandt waren und aus verschiedenen Teilen des Landes kamen. Statt in den hochsubventionierten, aber teuren Kabinen eines Studentenwohnheims zu verkümmern, hatten sie sich ein geräumiges Haus gemietet. Elsa behauptete, sie studiere Sozialanthropologie, ein typisches Arbeitslosenfach. Sie wirkte rosig und gesund, aber wie sich alsbald herausstellen sollte, war sie ein intellektuelles Monster. Ihre Freundin Tania, aus unerfindlichen Gründen "Bobby" genannt, klein, drahtig und voller common sense, studierte Landwirtschaftstechnik. Die dritte, eine blasse, zappelige Bergenserin, war Literaturhistorikerin und wollte Lehrerin werden.

Unwissend war keine der drei Schwestern. Sie betrachteten es als normal, daß man eine Indienfahrt im VW-Bus oder ein Jahr Entwicklungshilfe in Tansania oder wenigstens eine Tramp-Tour nach Mazedonien hinter sich hatte. Die Hausgemeinschaft hatte sich ganz gemütlich eingerichtet mit ihrer strengen Ideologie, ihren sporadischen Wutanfällen und ihrer kuriosen Ökonomie: ein Viertel Studiendarlehen, ein Viertel Nebenverdienst, ein Viertel Geld von zu Hause und ein Viertel Schwarzarbeit. Die drei Schwestern schimpften auf das Patriarchat und auf die konservative Regierung. ("So was Ekelhaftes! – Nei, så vemmelig!") Sie waren immer auf dem neuesten Stand der Diskussion. An der Pinnwand in der Küche hing ein schon leicht angegilbtes Plakat, auf dem der Pornographie und der Prostitution der Kampf bis aufs Messer angesagt wurde. Die entsprechende Kampagne hatte vor ein paar Wochen, in bester Methodisten-Manier, alle fortschrittlichen Kräfte unter ihrem Banner versammelt und war soeben wie ein Wackerstein im tiefen Fjord der linken Vergeßlichkeit versunken. Inzwischen stand ein anderes Problem auf der Tagesordnung. Die drei Schwestern waren sich über die jüngste Forderung der Lesbierinnen in die Haare geraten: das Recht auf künstliche Insemination, natürlich mit Hilfe und auf Kosten des staatlichen Gesundheitsdienstes.

Die Dritte Welt, weit davon entfernt, ein bloßes Phantasma zu sein, saß leibhaftig mit am Tisch in Gestalt eines schüchternen Ägypters, der Achmed hieß und mit erschrockener Miene die Auseinandersetzung um jenes neue Menschenrecht verfolgte. Er sprach zwar dem Weißwein ohne Bedenken zu, doch schmeckte er die Spaghettisauce mißtrauisch nach Spuren von Schweinefleisch ab.

"Weißt du was", sagte Elsa, "die Lesbierinnen können mir den Buckel runterrutschen. Wir sollten lieber ihm helfen. Er versteht ja rein gar nichts."

Damit war ich gemeint. "Ein Ausländer, der etwas über Norwegen schreiben soll, kann einem nur leid tun", bemerkte Bobby. "Alles, was sich über dieses langweilige Land sagen läßt, ist von seinen langweiligen Bewohnern fünfhundertmal gesagt worden."

Norwegische Anachronismen

"Sag das nicht!" riefen die beiden andern. "Also wenn ihr mich fragt", fuhr die Anthropologin fort und schüttelte ihre blonde Manne, "Norwegen ist eine Erfindung, eine an den Haaren herbeigezogene Fiktion."

Der schrille Protest ihrer beiden Schwestern wunderte mich nicht. "Laßt mich gefälligst ausreden", forderte Elsa. "Vor zweihundert Jahren hat einer, der es wissen mußte, gesagt: ‚Es gibt überhaupt keine Norweger.‘ (,Ingen Noramand er til.‘) Und der Mann hatte vollkommen recht."

"Wer war denn dieser Verrückte?" fragte Bobby.

"Høgh-Guldberg, ein dänischer Beamter. Ungefähr 1775."

"Aha. Der mußte es ja wissen!" "Allerdings. Du verstehst", fuhr Elsa, an mich gewandt, fort, "wir waren über vierhundert Jahre lang eine dänische Kolonie. In dieser ganzen Zeit hat Norwegen gewissermaßen nicht existiert, nicht einmal dem Namen nach. Unsere Vorfahren waren arme, heruntergekommene und geschichtslose Leute, die auf einem riesigen Territorium verstreut lebten, wie ein Haufen von Indianerstämmen, jeder mit seinem eigenen Dialekt, ohne Verkehrsnetz, ohne Schriftsprache, ohne eigene Institutionen."

"Ich weiß", sagte ich.

"Und dann, als die Dänen in irgendwelche Schwierigkeiten gerieten, ohne unser Zutun, wegen der napoleonischen Kriege, versammelten sich anno 1814 auf einem entlegenen Gutshof 112 Herren, um die Selbständigkeit ihres geliebten Vaterlandes zu proklamieren und eine Verfassung zu entwerfen."

Norwegische Anachronismen

"Das sind doch olle Kamellen", warf Bobby ein.

"Ja, nur wie das Ganze so plötzlich zustandegekommen ist, hat mir bis heute kein Mensch erklären können. Erst jahrhundertelang Schweigen im Walde, die sogenannten ‚dunklen Zeiten, und dann, mir nichts dir nichts, auf einmal eine neue Nation, aus der Tasche gezaubert von ein paar Dutzend Beamten, Großbauern und Kaufleuten. Das ist doch der reinste Putschismus!"

"Die Bolschewiki", sagte ich, "waren auch nur ein paar hundert Mann, damals in Petersburg."

"Ich glaube, dieser Vergleich würde hierzulande auf wenig Gegenliebe stoßen. Übrigens hat die ganze Herrlichkeit nur fünf Monate gedauert. Im Oktober 1814 hatten wir wieder einen ausländischen König auf dem Hals, Diesmal war es ein Schwede. Unabhängig – das vergeßt ihr Ausländer immer –, richtig unabhängig sind wir erst seit 1905."

"Na und!" gab ich zu bedenken. "Das ist doch nichts Ungewöhnliches. Ihr wart immer noch früher dran als die Finnen, die Tschechen, die Jugoslawen und die Iren."

"Und die Ägypter", sagte der Ägypter. "Fall ja nicht auf Elsas Geschichtsklitterung herein!" Jetzt mischte sich die Literaturhistorikerin ein. "Die Erfindung Norwegens ist ihr Hobby. In Wirklichkeit sind wir eine uralte Nation."

"Wir auch", sagte der Ägypter.

Norwegische Anachronismen

"Lies doch mal unsere Sagas aus dem 14. Jahrhundert."

"Von einem Isländer geschrieben", rief Elsa."Bis vor zweihundert Jahren überhaupt keine norwegische Literatur gegeben! Das solltest du doch wissen!"

Achmed warf mir einen ratlosen Blick zu. Ich ließ die Gabel sinken. Die drei Schwestern waren drauf und dran, einen ihrer berühmten Schaukämpfe auszutragen.

"Und was war die Hauptbeschäftigung unserer Schriftsteller?" fuhr die gnadenlose Elsa fort. "Der Ahnenkult! Der Aufbau einer Mystifikation! Die Wiederherstellung einer Sache, die längst verschwunden war, wenn es sie je gegeben hat! Unsere besten Köpfe haben jahrzehntelang an diesem Wahnsinns-Projekt gearbeitet. Einer der klügsten und raffiniertesten war Vinje, der einzige geniale Journalist, den dieses Land hervorgebracht hat. Er nannte sich Delen, und das kannst du getrost mit ,Hinterwäldler‘ übersetzen, obwohl er keineswegs auf dem Dorf lebte, sondern in der Hauptstadt. Und was schrieb er über das norwegische Volk? Daß man es ‚instandsetzen oder restaurieren‘ müsse! Bitte beachte die Metapher, meine Liebe! Es ging ihm um eine museale Reparatur. Dieser Vinje schreckte vor nichts zurück. Sogar die Notwendigkeit der Fälschung faßte er kaltblütig ins Auge. Er zitiert das französische Bonmot: ‚Si Dieu n’existe pas, il faut l’inventer‘ und kommt zu dem Schluß, wenn es Norwegen nicht gäbe, dann müsse man es eben erfinden!"

"Na ja", sagte die Literaturhistorikerin widerwillig, "das war die Zeit der Nationalromantik."

"Wenn ich noch einmal das Wort ,Nationalromantik’ höre", sagte Bobby und erhob drohend ihr Besteck, "dann schreie ich, daß die Fensterscheiben zittern. Ich kann euch gar nicht sagen, wie mir dieser Quatsch zum Hals heraushängt. Die sogenannte Volksmusik mit ihrem hysterischen Gefiedel, die Bourgeoisie im anachronistischen Kostüm von Bauernburschen und Milchmädchen – das ist doch alles Schwindel!"

"Natürlich. Aber dieser Schwindel war äußerst produktiv. Die Leute, die daran beteiligt waren, haben recht behalten. Ihr Projekt war aberwitzig, aber es ist geglückt. Sie haben aus der hohlen Hand heraus eine Nation erschaffen."

Norwegische Anachronismen

"Unsinn", schrie Bobby. "Ich halte mich an die Tatsachen. Die Mechanisierung der Landwirtschaft, der Eisenbahnbau, die Handelsschiffahrt. Damit haben es die Norweger geschafft, nicht mit irgendwelchen Spinnereien! Wir waren schon im 19. Jahrhundert die drittgrößte Seenation der Erde!"

"Das ist ja der Witz", sagte die schlaue Elsa. "Immer vornedran sein, aber im Hinterkopf einen kollektiven Roman haben, in dem es vor Wikingerhelden und stolzen Telemark-Bauern wimmelt! Das ist unser ganzes Geheimnis: die Ungleichzeitigkeit. Wir sind eine Nation von erfolgreichen Wirrköpfen!"

Den Ägypter und mich hatten die drei Schwestern völlig vergessen. Von Vinje hatten wir nie gehört, und über die Mechanisierung der norwegischen Landwirtschaft konnten wir uns erst recht kein Urteil erlauben.

"Wir mußten das schwarze Loch in unserer Geschichte zustopfen, verstanden? Wir mußten beweisen, daß es uns wirklich gegeben hat, gibt und geben wird, und mit dieser Arbeit sind wir heute noch beschäftigt."

"Unsinn", knurrte Bobby. "Das interessiert heute keinen Menschen mehr."

"Dann schau dir doch mal unser Bücherregal an! Heimatbuch für Tønsberg und Umgebung. Die Arbeiterklasse in der norwegischen Geschichte. Geschlechterbuch der Familie Stremme. Und so weiter. Wenn ein Verleger hierzulande ein todsicheres Geschäft machen will, gibt er ein Prachtwerk in Halbleder über die norwegische Geschichte heraus. Je mehr Bände, desto besser. Es darf ruhig ein paar tausend Kronen kosten. Cappelen hat von seinem Mammutwerk in 15 Bänden über 40 000 Stück verkauft."

"Um so besser", sagte die Literaturhistorikerin. "Eine ausgezeichnete Arbeit!"

Norwegische Anachronismen

"Ich sage ja gar nichts dagegen. Ich frage mich nur, warum es in diesem Land vier Millionen Amateurhistoriker gibt. Und die Antwort ist ganz einfach: Weil wir so wenig Geschichte haben! Frag mal einen Dänen oder einen Franzosen, was er vom 12. Jahrhundert weiß! Gar nichts. Die Schweden, gründlich wie sie sind, haben gleich ihre ganze Geschichte vergessen. Wir dagegen wühlen und flicken und restaurieren und können nie genug kriegen. Eigentlich hätten wir 1945 damit aufhören können."

"Wieso 1945?" fragte ich.

"Weil damals die Erfindung Norwegens perfekt war. Bis dahin hat uns noch eine Kleinigkeit gefehlt. Bei unseren Befreiungen ist es nämlich unerhört friedlich zugegangen. Keine Spur von Heroismus! Wenn uns die Deutschen nicht zu Hilfe gekommen wären" – sie nickte mir mit einem hinterhältigen Lächeln zu –, "hätte uns direkt etwas gefehlt. Ihr erinnert euch doch an das berühmte Photo, auf dem ein norwegischer Arbeiter in Skimütze und Windjacke zu sehen ist, wie er den Okkupanten die Festung Akershus in Oslo entreißt und sozusagen mit bloßen Händen den Zweiten Weltkrieg gewinnt? Das war die Krönung unserer historischen Rekonstruktion!"

"Jetzt wirst du wirklich geschmacklos", sagte Bobby. "Erst langweilst du unsere Gäste mit irgendwelchen Geschichten aus der Steinzeit..."

"Im Gegenteil! Nichts könnte aktueller sein, als die Art und Weise, wie wir uns eine Geschichte zusammengebastelt haben. Es gibt heute auf der Welt mindestens hundert neue Nationen, die vor dem gleichen Problem stehen. Sie versuchen, aus der kulturellen Scheiße herauszukommen, die ihnen der Kolonialismus hinterlassen hat. Aber dazu müssen sie sich eine Geschichte erfinden, mit allem Drum und Dran: Heldentaten, Traditionen, eine Sprache, eine Literatur. Für so etwas haben wir in Norwegen das allergrößte Verständnis. Deshalb identifizieren wir uns mit diesen Völkern. Leider sieht es nicht so aus, als hätten sie viel Erfolg bei dem Versuch, sich eine Vergangenheit anzuschaffen."

"Das sind doch alles Lebenslügen", sagte Bobby ärgerlich. Mit einem Seitenblick suchte sie Unterstützung bei Achmed, dem Ägypter, aber der schüttelte nur ratlos sein Haupt.

"Das ist ja das Tolle!" sagte Elsa triumphierend. "Natürlich ist es eine Lebenslüge. Wir sind keine kühnen Wikinger, wir sind die verwöhnten Kinder des Wohlfahrtsstaates. Wir sind auch keine Bauern, sondern Städtebewohner mit allen Macken und Gewohnheiten, die der Kapitalismus mit sich bringt. Wir sind keine Provinzler, sondern Kosmopoliten. Und schließlich sind wir nicht stolz und souverän, sondern eine Nation von kompromißbereiten Händlern, die vom Weltmarkt abhängen wie der Dialyse-Patient von seiner künstlichen Niere."

Norwegische Anachronismen

"Na also", zischte Bobby. "Das habe ich/doch Gleich gesagt." "Aber ohne unsere Lebenslügen hätten wir es nie und nimmer geschafft! Versteht ihr, eine Lebenslüge wird zur self-fulfilling prophecy, wenn man sie nur stur genug verfolgt. Oder, wie der bärtige Klassiker zu sagen pflegte: Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Ja, meine Lieben, das ist die norwegische Identität: das reinste Mirakel!"

Eine peinliche Stille breitete sich aus. Die Spaghetti waren längst kalt geworden.

"Also was soll ich nun, wenn es nach dir geht, über Norwegen schreiben?" fragte ich die rosige Elsa.

"Daß wir die Größten sind."

"Aber das hört sich so ironisch an, Elsa."

"Nimm dir noch einen Schluck Wein", sagte sie. "Weißt du, wenn die Norweger ironisch werden, dann kannst du ganz sicher sein, daß sie es ernst meinen."

Die Sorge des Hausvaters

Norwegische Anachronismen

Das Mahagonny des Öls, die Goldgräberstadt an der Westküste, wo der schnelle Dollar rollt, wo die rauhbeinigen Helden der Plattformen auf Landurlaub gehen, um ihren phantastischen Lohn auf den Kopf zu hauen, halb Dallas halb Klondike, Stavanger, die alte Bischofsstadt, zum Dorado für Spekulanten und Zuhälter geworden, zur Räuberhöhle Norwegens: wer hätte nicht, durch Reportagen, Fernsehbilder und Gerüchte von diesem sagenumwobenen Ort gehört?

Daß das alles gelogen ist, hätte ich mir denken können. Die Hausväter, die für das Wohl dieses Landes zu sorgen haben, sind gute Christen oder brave Sozialdemokraten, und darum war von Anfang an klar, wie sie reagieren würden, als das Unvorstellbare an die Tür pochte: mit einem bedächtigen Wiegen des Kopfes, mißtrauisch, umsichtig und stets darauf bedacht, ihr Gemeinwesen durch das Aufbringen einer dicken Watteschicht vor allen denkbaren Schocks zu bewahren.

So wurde auch ich von peniblen Stadtvätern an die Hand genommen, die mir einen Vormittag lang zeigten, wie sorgfältig sie, lange bevor die ersten ausländischen Konzerne in der Stadt Fuß fassen konnten, schon sauber gemischte, reich begrünte Wohngebiete ausgewiesen hatten. Ich konnte mich davon überzeugen, daß die rührenden Holzhäuschen der Altstadt intakt geblieben waren. Wie eh und je waren sie von Steuermannswitwen und pensionierten Schiffsköchen bewohnt. Nur hie und da hatte sich, erkennbar am Mercedes, der vor der niedrigen Tür stand, ein Reklamefachmann eingenistet oder ein junges Ehepaar aus der Elektronikbranche, das seinen Hauseingang mit den unvermeidlichen Kutscherlampen verziert hatte.

Auch wurde ich darauf hingewiesen, daß die eifrigen Fehler des Fortschritts, öde Hotels, trübsinnige Verwaltungskasernen, Missetaten in Beton, schon allesamt begangen waren, als das Öl, das Stavanger verbrauchte, noch aus Kuwait kam. Aber nun war man ja klüger geworden, und so sahen sich Elf und Mobil, Shell und Philips sanft aber unerbittlich dazu gedrängt, hier einen alten Schuppen und dort ein malerisches Lagerhaus so getreu wie nur möglich zu restaurieren. O nein, man küßt ihnen hier nicht die Füße! Ein wenig guten Willen müssen sie schon an den Tag legen, wenn sie in Stavanger reüssieren wollen. Dann allerdings findet sich bestimmt ein Platz für ihre künstlichen Paradiese, irgendwo weit draußen, auf der grünen Wiese. Dort dürfen sie ihre spiegelnden Paläste aufbauen, ihre Ölbasen, Helikopter-Landeplätze, Zulieferbetriebe, Consulting-Firmen und Dau-Zentren. Die dominierende Stellung in dieser Brave New World des Öls fällt allerdings dem staatlichen norwegischen Ölkonzern zu. Statoils Hauptquartier ist ein riesiges, futuristisches Treibhaus, zu dem ohne codierte Magnetkarte niemand Zutritt hat. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, der Konzern traue keinem über Drei-Big, so jung sind die Angestellten, die hier, von einem beängstigenden Optimismus erfüllt, unter Palmen und Computern wandeln. Was aber die Werft betrifft, auf der die gigantischen Ölplattformen gebaut werden, so hat sie sich verpflichten müssen, nach vollendeter Montage der Stadt Stavanger keinen Müllhaufen zu hinterlassen, sondern einen idyllischen Yachthafen: Die Fußgängerzone im Zentrum ist überfüllt, der Einzelhandel blüht, Parkplätze gibt es nicht, vor den Restaurants stehen die Gäste Schlange. So könnte es scheinen, als stünde alles zum Besten.

Gewiß, hie und da vermerken die Soziologen eine gewisse Neigung zur Gettobildung. Der Petroleum Wives Club trifft sich schon am Vormittag, und über seinen enormen Konsum an trockenen Martinis wird in eingeweihten Kreisen die Stirn gerunzelt. Aber die amerikanischen Damen kriegen ja keine Arbeitserlaubnis. Soweit sie ihre Kinder nicht auf Kosten der Firma in eine schweizerische Boarding-school fliegen lassen, werden die Gören in die sündhaft teure, nagelneue Ami-Schule geschickt, wo das Schulgeld pro Kopf bei 55 000 Kronen liegt. Und die Grundstückspreise haben die ausländischen Manager auch in die Höhe getrieben.

Dies alles, und noch weit schlimmere Dinge, habe ich auf dem Sommerfest eines melancholischen Psychiaters erfahren, in der alten Jugendstil-Villa, die er, zusammen mit seiner Frau, vor dem Verfall gerettet hat. Der reich gedeckte Tisch erinnerte mich an Fanny und Alexander, und man unterhielt sich fast wie zu Ibsens Zeiten über die Ehe, die Sehnsucht und das Altern. Nur ganz in der Ferne, zwischen den Bäumen, konnte man die schwachen Lichter der Werft sehen, auf der Tag und Nacht gearbeitet wird, Ja, unter den finnischen Gastarbeitern, mehr als 2000 sollen es ja nie gewesen sein, hat es wohl ab und zu Krawalle und Messerstechereien gegeben. Man hat sie zunächst auf Booten untergebracht, dann in Containern, acht Mann hoch, weil vorübergehend der Wohnraum leider knapp wurde, aber jetzt sind nur noch ein paar Dutzend da, heißt es, und man will in Zukunft besser für sie sorgen. Das ist ja auch eine Frage der Mentalität. Viele dieser Ausländer sind Wanderarbeiter, hochbezahlte Nomaden, vom Schweißer bis zum Ingenieur, die zwischen Alaska und dem Nahen Osten ein unstetes Leben führen. Der Anlagenbau ist ein schwankendes Geschäft. Da muß man schon froh sein, wenn die moralischen Grundlagen nicht angegriffen werden.

Mit dem Laster in Stavanger ist es Gott sei Dank nicht so weit her, nicht einmal in den gerüchtweise einschlägig bekannten kleinen Hotels. Die Stadtverwaltung hat beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen; denn wenn man auch die Ölhauptstadt des Landes ist, so hat man doch einen guten Ruf zu verlieren, und der ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Deshalb verschrieben die Stadtväter sich drei renommierte Soziologen aus Stockholm; bei den Schweden, dachten sie, kann man Gründlichkeit und entsprechende Vorkenntnisse voraussetzen. Die Wissenschaftler machten sich mit ihren Notizblöcken, Taschenrechnern und Tonbandgeräten auf den Weg und suchten drei Monate lang nach der Prostitution, dem Glücksspiel und der Droge. Doch wo sie auch auftauchten, überall herrschte die reinste Luft, und so mußten sie mit leeren Händen, wenn auch unter Mitnahme eines ansehnlichen Honorars, wieder abziehen. Seitdem kann der Bischof von Stavanger wieder ruhig schlafen, und den Verleumdern der Stadt ist das Maul gestopft.

Norwegische Anachronismen

Wird fortgesetzt

Redaktionelle Verantwortung für das Extra: Fritz J. Raddatz