Von W. Martin Lüdke

Ich halte die Zeit nicht an, ich lasse sie schneller laufen, damit ich meine Geschichte zu Ende bringen kann, die aus lauter Anfängen besteht, losen Fäden, die zusammen kein regelmäßiges Muster ergeben, keinen Teppich mit geometrischen Ornamenten, sondern ein Wollknäuel, das ich vor Augen des Lesers aufzudröseln versuche."

Mit diesen Worten, gegen Ende des dritten (und letzten) Teils des Romans, beschreibt der Erzähler noch einmal sein Programm. Schon eingangs, in einem ausdrücklich so genannten "Prolog", hatte er proklamiert, daß sein Buch "die Form einer Burgruine oder eines verfallenen Schlosses" annehmen soll, dessen drei Flügel, sprich: die drei Hauptteile, "aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert stammen".

Hans Christoph Buch, der Autor, hat sich also, wie man sehen kann, viel vorgenommen. Buch, eine bekannte Figur in dem Getriebe, das (viel zu) emphatisch literarisches Leben genannt wird, hat nämlich seinen ersten Roman geschrieben. Auch er will (jetzt wieder) erzählen, nicht naiv, frischfröhlich und drauflos, doch immerhin.

An sich selbstverständlich, hier bleibt es erwähnenswert. Buch, einst von Walter Höllerer (Literarisches Kolloquium) entdeckt und gefördert, hat sogar als Erzähler begonnen. Das ist lang her. Bekannt geworden ist er erst durch seine politisch/literaturpolitischen Aktivitäten, während und im Nachklang der Studentenbewegung bis hin zu den jüngsten Querelen des Schriftstellerverbandes (VS). Bekannt geworden ist er also mit Aufsätzen, Essays, Streitschriften, Diskussionsbeiträgen, als Herausgeber auch.

Und, weiter erwähnenswert, Buch will jetzt nicht plötzlich wieder erzählen, er will zugleich an seinem, in den letzten knapp zwanzig Jahren begründeten aufklärerisch-politischen Anspruch festhalten. Schon das ist ein Kunststück, kein geringes sogar.

Es geht Buch, sozusagen folgerichtig, um die Geschichte eines Kampfes – gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Herrschaft, eines Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit und, sage und schreibe, um einen Zeitraum von 165 Jahren, zwischen dem 30. Januar 1802, als eine französische Kriegsflotte in der Bucht von Samana, San Domingo, vor Anker ging, und dem 22. November 1967, als Guillaume Buch (einst: Wilhelm) mit einem selbstgebastelten einmotorigen Flugzeug eine Bombe über dem Präsidentenpalais von Porte-au-Prince abwarf und hernach nie wieder gesehen ward.