Von Roger de Weck

Paris, Ende Oktober

Routine ist wie Gift. Ein bißchen davon ist zuweilen hilfreich, wirkt wie eine Arznei; eine zu große Menge aber richtet Schaden an. Routine in den deutsch-französischen Beziehungen ist einerseits ein gutes Zeichen; andererseits birgt sie die Gefahr, daß der Blick auf die Zukunft und der Wille zum Wagemut verlorengehen. In Bonn wie in Paris ist man allemal bestrebt, gegen die Routine anzukämpfen, um das Verhältnis zwischen den beiden Ländern immer von neuem zu nähren – um "die Versöhnung mit Leben zu erfüllen", wie es Präsident Mitterrand 1983 in seiner berühmten Rede vor dem Bundestag formulierte.

Dazu gehören nicht nur die militärische und rüstungstecnnische Zusammenarbeit sowie Spionagesatelliten, Raumstationen, Ariane-Raketen, gemeinsame industrielle Projekte, Airbus, Superschnellzüge (TGV), Telephonsystem und dergleichen mehr. Über all das ist am vorigen Montag und Dienstag in Bad Kreuznach beim 44. deutschfranzösischen Gipfeltreffen gesprochen worden. Dazu gehört auch etwas fürs Gemüt. "Ohne eine enge ‚psychische‘ Verbindung zwischen der Bundesrepublik und Frankreich ist auf Dauer politisch nichts zu wollen", hört man dies- und jenseits des Rheins. Ein stiller Wunsch ginge den Franzosen in Erfüllung, wenn sich die Deutschen – die noch jahrzehntelang an der Teilung ihres Landes zu leiden haben werden – emotional an Frankreich anlehnten.

François Mitterrand wie Helmut Kohl haben denn auch mit "Gesten" und zuweilen dick aufgetragener Symbolik nicht gespart, um das deutschfranzösische Verhältnis zu "emotionalisieren": Der französische Staatschef und der deutsche Regierungschef versuchen, auch den "Mann auf der Straße" anzusprechen. Für ihre Vorgänger Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, beide auf ihre Art kühl und konkret, war das kein Anliegen gewesen, oder jedenfalls kein besonders wichtiges.

"Ich möchte Victor Hugo zitieren, der 1842 sogar von Blutsverwandschaft gesprochen hat": Diese Äußerung Mitterrands vor dem Bundestag am 20. Januar vergangenen Jahres wäre Giscard gewiß nicht über die Lippen gekommen. Es geht dabei weniger um den Geschmack als um die Wirkung.

Dazu paßt auch die Wahl von Bad Kreuznach als Dekor des jüngsten deutsch-französischen Gipfels. Dort hatte Charles de Gaulle vor knapp 26 Jahren erstmals Konrad Adenauer auf deutschem Boden getroffen und ihm zwei Tage nach Chruschtschows Berlin-Ultimatum Rückendeckung gewährt. Der Symbole nicht genug: Präsident Mitterrand gab am Dienstag als Gastgeschenk den Koblenzern ihr berühmtes, annähernd drei Zentner schweres "Vogel-Greif"-Geschütz zurück – eine viereinhalb Jahrhunderte alte Kriegsbeute, von der sich die Franzosen nur ungern trennten.