Der sogenannte Rußlandfeldzug mit seinen "Kesseln" und "Durchbrüchen" und Stalingrad und so weiter, das hockt heute noch hinter der Ostpolitik. In der Erinnerung der alten Männer im Kreml ist die Asche an Dnjepr, Don, Wolga oder Donez zweifellos noch heiß; und dem Trauma dort steht die Vergeßlichkeit hier gegenüber. Berichte über den Krieg in Rußland nahen mithin, seit Paul Carell mit "Verbrannte Erde" (Berlin 1966) eine erste Bresche ins verdrängte Bewußtsein legte, nicht nur Fußnotenrang für die Historie; sie sind auch und besonders für eine jüngere, ahnungslos den Kopf schüttelnde Generation lesens- und nachdenkenswert, vorausgesetzt, sie informieren so klar wie:

Janucz Piekalkiewicz: "Unternehmen Zitadelle. Kursk und Orel: Die größte Panzerschlacht des 2. Weltkrieges"; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1983; 298 S., 54,– DM.

Der (im Westen lebende) polnische Geschichtsreporter läßt vor allem Texte von damals, Dokumente und Bilder sprechen. Der Leser wird gleichsam Augenzeuge des Verlaufs der größten Panzerschlacht im Zweiten Weltkrieg. Sie wurde von den Deutschen unter dem Codewort "Unternehmen Zitadelle" am 5. Juli 1943 begonnen und in vier Wochen von den sowjetischen Truppen gewonnen. Nach Stalingrad war damit endgültig die Entscheidung in jenem Feldzug gefallen, der im Titel einer Sammlung von 152 erstmals veröffentlichten Farbaufnahmen korrekt bezeichnet ist:

"Der Überfall – 152 erstmals veröffentlichte Farbaufnahmen vom Beginn des Rußlandfeldzugs bis Stalingrad"; herausgegeben vom Archiv für Kunst und Geschichte; Hoffmann und Campe, Hamburg 1984; 192 S., 48,– DM.

Die Farbe beschönigt nichts. Die Bilder, aufgenommen von zwei Amateuren, beide Pfarrer im Zivilberuf, und einem Kameramann, der ebenfalls privat photographierte, vermitteln den Alltag des Kriegs in Rußland vom Beginn bis Stalingrad: Gräber, Gefangene, die überlebende Bevölkerung, fast nur Frauen, zertrümmerte Orte, das verwüstete weite Land in Schlamm oder Sonnenglast und die Soldaten darin ohne Propaganda-Pose.

Ein kritischer Essay von Heinrich Graf von Einsiedel, einem der Offiziere, die von Hitler wie im "Nationalkomitee Freies Deutschland" von Stalin getäuscht wurden, verhindert von vornherein ein "Kamerad, weißt du noch?" – Schulterklopfen. Ein paar Schwarzweißfotos russischer Berichterstatter, Karten, Chronik, bezeichnende Hitler-Befehle und die warnende Denkschrift des Generals von Seydlitz aus dem November 1941 vervollständigen diese Dokumentation aus einem Archiv, das 1946 als "Sammlung Göpel" gegründet wurde.

Unter die Denkschrift, die das Desaster vorausgesagt hatte, schrieb damals der Chef des Generalstabs der 6. Armee: "Wir haben uns nicht den Kopf des Führers zu zerbrechen." In Stalingrad ist diese Armee vernichtet worden. Der Rußlandkrieg sei für die meisten Deutschen längst Geschichte, schließt Einsiedel seinen Kommentar und korrigiert: "In Wirklichkeit ist er ein Stück Gegenwart, weil seine Folgen immer noch unser größtes Problem sind." Dieser Bildband macht das deutlich wie wenige andere Bücher.

Alexander Rost