Stanislav Grof: Transpersonale Psychologie oder Religion nach der Aufklärung

Von Edith Zundel

Steilküste am Pazifik, dahinter Berge und Wildnis, auf einem Plateau ein blühender Garten mit einer kleinen Buddha-Statue, ein Bergbach springt mit einem Wasserfall ins Meer, niedrige Holzhäuser, heiße Schwefelquellen, alte Redwoodbäume – das ist Esalen, Big Sur, Kalifornien. Ein Erdrutsch hat die Küstenstraße zwischen San Francisco und Los Angeles lahmgelegt, Monterey, die nächste Stadt, ist nur noch durch einen vielstündigen Umweg zu erreichen. Post gibt es zweimal in der Woche, öffentliche Verkehrsmittel überhaupt nicht. Aber auch ohne Erdrutsch – es ist eine eigene, eine besondere Welt.

Aldous Huxley, Maslow, Perls, Bateson und andere, die nicht in den üblichen Wissenschaftsbetrieb paßten, haben hier jahrelang gelebt, gearbeitet und zusammen mit Gastdozenten – auch Carl Rogers war darunter – ein wesentliches Stück der humanistischen Psychologie geschaffen. Die Esalen-Seminare waren immer an der Spitze dessen, was in der Psychoszene "in" war. Mit dem Körper zu arbeiten, um Psychisches zu beeinflussen, ist heute sehr modern. In Esalen machte man das immer schon:

Rolfing-Massage, Bewegungstherapie à la Feldenkrais, Tai-Chi, Träger. In den wilden 60er und 70er Jahren galt Esalen als Hochburg der Gruppendynamik; Fritz Perls machte es zu einem wichtigen Zentrum der Gestalttherapie, und neuerdings ist es Mekka der transpersonalen Psychologie. Das allerneueste sind Pläne, hier eine Art von Universität zu gründen. Eine straffe Führung oder auch nur eine einheitliche Linie gibt es kaum. In Esalen wird angeboten, wofür immer sich Interessenten finden. Zur Zeit reicht das Programm vom interdisziplinären Symposium zwischen renommierten Wissenschaftlern über therapeutische Veranstaltungen bis zu Erlebnisfahrten in die Wildnis, und es gibt sogar einen Kurs für Heimcomputer.

Wir sind zum Grof-Seminar "Morgenlandfahrt" gekommen, angelockt von seinen Büchern "Begegnung mit dem Tode" und "Topographie des Unbewußten", einer Landkarte, die nicht nur weit über den Bereich hinausgeht, den Freud und seine Nachfolger skizziert haben, sondern auch die Paradigmen in Frage stellt, die seit Descartes und Newton als wissenschaftlich gelten. Da sitzen wir nun, mit 32 anderen, auf Kissen auf dem Fußboden – Stühle gibt es in Esalens Seminarräumen nicht. Einige junge Gesichter, aber auch viele in der Midlife-Crisis oder danach. Menschen aus Australien, Kanada, Brasilien, Skandinavien, England, der Bundesrepublik und natürlich den USA; die helfenden Berufe – Ärzte, Psychologen, Theologen, Sozialarbeiter, Krankenschwestern und -gymnastinnen – überwiegen. Auch ein Rechtsanwalt, ein Schauspieler, ein Geschäftsmann im Ruhestand und ein Bhagwan-Anhänger sind dabei Viele sind in Umbruchsituationen, überlegen sich ihre Scheidung, einen Berufswechsel oder das Aussteigen überhaupt.

Und da kommen sie nun direkt von der internationalen Konferenz der Transpersonalisten in Davos mit "jet-lag", aber noch ohne Gepäck, das unterwegs fehlgeleitet wurde – es scheint der normale Lebensstil der Vielgereisten –, Stanislav Grof, groß und massiv, ein slawischer Bär, mit eigentümlich durchdringenden, dunklen Augen, und seine Frau Christina, fast ebenso groß, schlank – ein schönes Paar. In mühelosem Englisch – er spricht auch deutsch, russisch und französisch und hat neben Latein und Griechisch auch Sanskrit studiert – stellt der gebürtige Tscheche sich vor. Im Anblick der Prager Kathedrale religionslos aufgewachsen – die Eltern waren von unterschiedlicher Konfession und wollten den Kindern eine eigene, unbeeinflußte Wahl ermöglichen – wollte er eigentlich Comicstrip-Zeichner werden. Dann aber entschloß er sich zu Medizin, Psychiatrie und zu einer psychoanalytischen Ausbildung bei dem einzigen Analytiker in der Tschechoslowakei, der zunächst das Nazi-Regime und später die Restriktionen der Kommunisten überstanden hatte und sich damit brüstete, noch freudianischer als Freud zu sein. Grof erzählt mit Schaudern von langen Seminarstunden, die mit Debatten über die Frage zugebracht wurden, ob man Patienten die Hand geben dürfe oder nicht.