Die alte Dame Augsburg ziert sich, sie zögert, sich für das große Festspektakel zu enthüllen. Lange hielt die bayerische Schwäbin Runzeln und Male ihrer zweitausendjährigen Geschichte und die daran mühsam vollzogene Prozedur des Facelifting unter grünem Tuch verborgen. Part um Part weht jetzt die Verpackung von den Fassaden. Rathaus, Stadtmetzg, Perlachturm stehen schon in junger Schönheit da.

Mal richtig einen draufmachen will die Dame und mit ihr 245 000 Bürger: ein ganzes langes Jahr, Tag um Tag Feste feiern, daß der Perlachturm schwankt, der Augustus auf dem Rathausplatz beim "Salvete!" erzittert und die hundert Brünnlein dieser Stadt vor Freude überfließen. "Alles freut sich über die Arbeit der Fassaden-Kosmetiker," sagt Augsburgs Verkehrsdirektor Friedrich A. Kleiber, "ist gespannt, ein strahlendes, leuchtendes Augsburg zu sehen."

Im dunkeln bleiben wird das Geburtsjahr der Stadt. Bekannt ist nur, daß römische Soldaten unter Führung der Herren Drusus und Tiberius im Auftrage des Kaisers Augustus Kelten und rätische Alpenbewohner unterwerfen sollten und zu diesem Behufe am Zusammenfluß von Lech und Wertach ein Standlager errichteten, welches von römischen Zivilisten freudig übernommen wurde, als die Legionäre abgezogen waren. Der Gründer von "Augusta vindelicum" ist Augustus nicht; Humanisten des 16. Jahrhunderts schmeichelten dem Imperator, indem sie ihm diese Tat zusprachen, als sie Augsburgs Vergangenheit entdeckten. Im Jahre fünfzehn ante Christum sollen die Römer gekommen sein. Plus 1985 Jahre – das macht glatte zweitausend. Chefarchäologe Christoph Rüger, Bonn, indes rechnet vor, daß Augsburg – wie die feiernden Schwestern Trier und Kempten, Neuß und Bonn auch – sorglos das Jahr Null mitgezählt habe, daß es dieses nach heutiger Zeitrechnung aber gar nicht gebe. Die zweitausend Jahre wären folglich erst Silvester 1985 vollendet, feiern dürfe man erst von 1986 an. Feiert die prächtige Stadt also auf Kredit?

Nun, die ehemalige Fugger- und Welser-Metropole hat bei ihren frühen Bank- und Wechselgeschäften mit Krediten reich machende Erfahrungen sammeln dürfen. Was sind schon ein, drei, fünf Speichen im zweitausendjährigen Rad der Geschichte, fragt Friedrich A. Kleiber.

Drei Elemente kennt das Jubeljahr: "Die Stadt feiert, sie stellt sich dar, sie schafft bleibende Werte." Das soll "ein frohes Fest sein für Bürger, Nachbarn, Gäste. Es soll das Bürgerbewußtsein vertiefen, das Zusammengehörigkeitsgefühl aktivieren, Urbanität und Lebensqualität fördern". Und nicht zuletzt "sollen sie stolz sein auf ihre Stadt und sich mit ihr identifizieren", die Augsburger. Den Herrn Bundespräsidenten hieße man hier gern willkommen, der Kanzler möge in der SPD-regierten Schwaben-Stadt unter diesem unserem weißblauen Himmel sein Oggersheimer Lächeln zeigen, um ihn herum das Terzett seiner – lebenden – Amtsvorgänger.

Aufgefordert, das Fest aller Feste zu einem Jahrtausend-Ereignis werden zu lassen, stützt Privatinitiative die vom Magistrat errichteten konzeptionellen Säulen. "Motivieren ist kaum nötig gewesen", lobt Hermann Lamprecht, Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit, seine Mitbürger. Im Komitee, das seine Arbeit vor fünf Jahren schon aufnahm, haben alle Parteien Stimmrecht, es kanalisiert den Festetat, filtert den Fluß bürgerlicher Vorschläge. Schwungrad war die Ausstellung "Mein Augsburg" im Frühjahr 1984 zu der, augenfällig, vor allem die 30- bis 40jährigen und Bürger im Rentenalter Photos, Gemälde, Orden und Ehrenzeichen trugen und "unsere lebendige Zeit" dokumentierten: 100 000 Besucher kamen. "Wir waren überrascht, wie lebhaft die ’hagebuchenen’, die konservativ-bedächtigen Schwaben also, werden können", sagt Schwabe Lamprecht.

Bleibende Werte