"Barfußhistoriker" – woher sie kommen und was sie wollen

Von Volker Ullrich

Durch die Geschichtslandschaft der Bundesrepublik weht ein frischer Wind. In vielen Städten und Regionen haben alternative Geschichtswerkstätten damit begonnen, die Erforschung von Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen. Sie wollen Geschichte "von unten" rekonstruieren, aus der Sicht derer, die sie erlebt und erlitten haben. Ganz bewußt wenden sie sich denen zu, die in der Geschichtsschreibung bislang ein Schattendasein geführt haben: den "einfachen Menschen". Statt auf globale Strukturen und nationale Tendenzen richten sie ihr Auge auf die kleinen Einheiten, die überschaubaren Räume: Region und Dorf, Stadtteil und Straße, Betrieb und Werkstatt, Küche und Wäscherei, Hinterhof und Mansarde – Orte, die ehedem gemieden wurden, vielleicht, weil sie mit dem Dunst des Armeleute-Milieus behaftet waren.

Damit verbindet sich eine Distanz zum universitären Wissenschaftsbetrieb. Im Gegensatz zu den Uni-Historikern verstehen sich die Vertreter der alternativen Geschichtsprojekte als "Erinnerungsarbeiter", die Spurensicherung vor Ort betreiben – und dies nicht als Selbstzweck, sondern aus dem Wunsch heraus, mit der eigenen Geschichte zugleich ein Stück kultureller und politischer Identität wiederzugewinnen. Basisnähe und kooperative Arbeits- und Umgangsformen sind wesentliche Kennzeichen der neuen historischen Alltagsforschung. Zudem soll Geschichte nicht mehr nur ein Werk von Spezialisten für Spezialisten sein, sondern so erforscht und geschrieben werden, daß möglichst viele Menschen daran teilhaben und sie verstehen können.

Die Hinwendung zur Alltagsgeschichte ist nur ein Teil eines allgemeinen Trends. Nach langen Jahren der Dürre, in denen bereits von einem "Verlust der Geschichte" die Rede war, scheinen nun wieder bessere Zeiten angebrochen zu sein: In SPD-Ortsvereinen und in den Gewerkschaften regt sich ein kräftiges Interesse an der eigenen Vergangenheit; und auch in bildungsbürgerlichen Kreisen ist Geschichte – zumal in repräsentativer Ausstattung – wieder gefragt. Das zeigen nicht zuletzt die großangelegten Darstellungen zur deutschen Nationalgeschichte aus der Feder liberalkonservativer Historiker wie Gordon A. Craig, Michael Stürmer oder Thomas Nipperdey. Historische Ausstellungen erfreuen sich lebhaften Zuspruchs, und allerorten werden Museen ins Leben gerufen – vom kleinen Heimatmuseen auf dem Lande bis zur großen Stätte der nationalen Tradition oder der Technik- und Industriekultur.

Die Gründe für diese Rückkehr zur Geschichte sind vielfältig. Einen nannte der Historiker Hagen Schulze: "Die Flucht vor der Geschichte geht zu Ende. Die Nachkriegsgeneration ist damit endgültig gescheitert, weil ein solcher Fluchtversuch nur möglich war, solange er mit dicken Wachstumsraten des Wohlstandes gepolstert war. Je ungewisser aber die Gegenwart, je dunkler die Zukunft, desto größer das Interesse an Orientierung durch die Geschichte."

Anders als die konservative Geschichts-Renaissance, die Geschichte als Ersatz für fehlende oder nicht mehr tragfähige Politikkonzepte anbietet oder sich einfach mit einer nostalgischen Beschwörung vergangener Zeiten bescheidet, beansprucht die "neue" Geschichtsbewegung, in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen unserer Zeit einzugreifen. Sie versteht sich als Teil der alternativen Kulturbewegung, wie sie sich in den siebziger Jahren als Antwort auf neue gesellschaftliche Herausforderungen, etwa das Umweltproblem oder die Frauenfrage, formiert hat.

Nicht als Nische

Ihre Etikettierung als "grüne Geschichtschreibung" ist so wenig zutreffend wie der Verdacht eines rückwärtsgewandten Anti-Industrialismus. Gewiß: Es gibt in der alternativen Geschichtsszene Tendenzen einer naiven Verklärung des einfachen Lebens, Sehnsüchte nach der vorindustriellen Zeit, doch sind sie keineswegs repräsentativ. Die Beschäftigung mit dem historischen Alltag soll nicht als Nische dienen, um dem politischen Alltag zu entfliehen. Vielmehr werden die historischen Erkundungsfelder – Provinz, Dorf oder Stadtteil – verstanden als Erfahrungsräume, in denen geschichtliche Spurensuche und neue Formen des politischen und sozialen Lernens Hand in Hand gehen. In diesem Zusammenhang erfährt auch der diskreditierte Begriff "Heimat" eine Rehabilitierung. Er meint im Verständnis von Alternativhistorikern ein Doppeltes: Ort wiedergefundener historisch-politischer Identität und zugleich Focus möglichen Widerstands gegen Umweltzerstörung, Stadtsanierung oder kapitalistische Rationalisierung.

In solchem Anknüpfen an unmittelbare Probleme deutet sich ein gegenüber der Studentenbewegung der sechziger Jahre verändertes Politikverständnis an. An die Stelle gesellschaftsverändernder Strategien ist die Suche nach den kleinen Alternativen getreten. Ein alternativer Historiker formuliert dies so: "Weg von der abstrakten Gesellschaftskritik und den sektiererischen Parteidiskussionen, hin zu den Kämpfen um konkrete Lebensbedingungen in überschaubaren Bereichen."

Als Vorbild für die "neue Geschichtsbewegung" hat die "history Workshop"-Bewegung in England gewirkt. Sie stützt sich auf eine lange Tradition "linker Volksgeschichte" (people’s history) in und außerhalb der britischen Universitäten, was auch ihr relativ unverkrampftes Verhältnis zur Zunft der Historiker erklärt.

Entscheidende Anregungen hat die alternative Geschichtsforschung in der Bundesrepublik auch durch die "Grabe, wo du stehst"-Bewegung in Schweden erfahren, so benannt nach dem gleichnamigen Buch des Publizisten Sven Lindquist. Die Idee dazu stammt ursprünglich aus China, wo es Anfang der sechziger Jahre unter dem Motto "Grab die bitteren Wurzeln aus" eine breite Geschichtskampagne von "Barfußhistorikern" gab. Lindquist übertrug dieses Konzept auf die Erforschung industrieller Arbeitsverhältnisse in Schweden. Am Beispiel der Zementindustrie gab er praktische Tips, wie die Arbeiter sich ihre eigene Geschichte wieder aneignen könnten. Die Idee fand große Resonanz: Inzwischen gibt es in Schweden über 1500 Gruppen, die sich als Teil der "Grabe"-Bewegung verstehen.

Der Grundgedanke Lindquists: Jeder ist kompetent in Sachen eigener Geschichte – und zwar in dem Bereich, in dem er lebt und arbeitet. Das gilt für die Arbeiter eines Betriebes ebenso wie für die Bewohner eines Stadtteils oder eines Dorfes. Für die meisten professionellen Historiker ist ein solcher Anspruch Hochstapelei. Sie rümpfen die Nase über den Dilettantismus der "Barfußhistoriker". Umgekehrt gibt es auch bei diesen Ängste gegenüber der Historiker-Zunft. Dabei könnten beide voneinander lernen: die Fachwissenschaftler, wie sie einen unmittelbaren Zugang zum historischen Forschungsfeld gewinnen können; die Laienhistoriker, welche Techniken und Methoden der Geschichtswissenschaft bei der Erkundung vor Ort zu beachten sind.

Spurensuche im Alltag – das bedeutet vor allem das Aufspüren neuer Quellen, die die Geschichtswissenschaft vernachlässigt hat. Wo immer Alltagshistoriker ihren Spaten ansetzen, stoßen sie auf Überreste einer verschütteten Kulturgeschichte der "kleinen Leute", auf die täglichen Gegenstände des Lebens und Arbeitens. Und sie haben entdeckt, wieviel verborgene Schätze noch in den Erinnerungen alter Menschen aufbewahrt werden. "Oral histoiy" – die mündliche Geschichte – ist in den letzten Jahren in der Bundesrepublik geradezu zu einem Synonym für die neue historische Alltagsforschung geworden.

Zum Sprechen bringen

Auch dieser Forschungstechnik liegt ein einfacher Gedanke zugrunde: Um älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen mitzuteilen, muß man sie zum Sprechen bringen. Doch in der Praxis zeigen sich Tücken: Ein funktionierendes Mikrophon und ein genaues Hinhören allein reichen nicht aus, um zuverlässige historische Fakten zu bekommen. Denn das Gedächtnis bewahrt nur Bruchstücke von Erinnerungen auf. Der Interviewer muß durch einen Filter von Vergessen und Verdrängen hindurch sich an das herantasten, was jeweils die verdeckte Wahrheit einer Lebensgeschichte ausmacht. Das kann er aber nur, wenn er in einen kommunikativen Prozeß eintritt, in dem er seine eigene Rolle als Interviewer und sein eigenes Geschichtsverständnis mit zur Disposition stellt. Gerade in lebensgeschichtlichen Interviews mit ehemaligen "kleinen" Nationalsozialisten hat sich gezeigt, wie schwierig das ist und wie schnell der Fragende sich in der Rolle eines Therapeuten wiederfinden kann.

Eine besondere Bedeutung kömmt der "oral history"-Methode für die historische Frauenforschung zu. Für viele Bereiche des Alltagslebens – Wohnen, Familie, Freizeit, Ernährung – bilden die Erinnerungen von Frauen eine unentbehrliche Informationsquelle. Längst geht es allerdings den Frauen in den Geschichtsinitiativen nicht mehr nur darum, dieses oder jenes Thema auf einen Frauenaspekt zuzuschneiden, sondern um einen grundsätzlich neuen Zugriff auf die Geschichte. Die von Männern betriebene Geschichtsschreibung soll noch einmal durchforstet und umgeschrieben werden unter geschlechtsspezifischer Perspektive; Geschichte soll begriffen werden als "Geschichte von zwei Geschlechtern".

Wie in der Frauenforschung hat die "neue Geschichtsbewegung" auch in anderen Bereichen, etwa der Regionalgeschichte, der Alltagsforschung über den Nationalsozialismus oder der Arbeitergeschichte Anstöße für die Diskussion auch innerhalb der akademischen Geschichtswissenschaft gegeben. Ihre produktiven Wirkungen zeigen sich hier vor allem in einer Auflösung scheinbar festgefügter Vorstellungen und Deutungsmuster. In dem Maße nämlich, wie Historiker sich auf den Alltag einlassen, verschwimmen die Konturen, stoßen sie auf widersprüchlich schillernde Verhältnisse. Das verweist zugleich auf eine Leistung wie auch auf eine Grenze der neuen Alltagsforschung: Auf der einen Seite wirkt sie enttypisierend, entzieht sie sich vorschnellen Verallgemeinerungen und theoretischen Annahmen. Auf der anderen Seite aber hat sie Mühe, aus sich selbst heraus neue Begriffe zu bilden. Vielleicht ist das der Grund, warum es konservativen Historikern neuerdings relativ leichtfällt, ihre Arbeiten mit Streifzügen ins Alltagsleben zu garnieren.

Bereits in ihren ersten kritischen Stellungnahmen haben die Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka der neuen Alltagsgeschichte den Vorwurf gemacht, sie huldige einem theorielosen "Neohistorismus" und würde, wenn sie vor der "Anstrengung des Begriffs" davonlaufe, sich unweigerlich in einer Sackgasse verrennen. Diese Warnung muß ernstgenommen werden, wenngleich die schulmeisterliche Form, in der sie vorgetragen wurde, "Barfußhistoriker" nur in ihren Vorbehalten der etablierten Geschichtswissenschaft gegenüber bestätigen konnte. Auch in den Geschichtsinitiativen selbst wird ein Marigel an handlungsanleitender Theorie durchaus eingestanden. Was sie von den Vertretern der bundesdeutschen Sozialgeschichtsschreibung trennt, ist freilich eine gehörige Portion Skepsis gegenüber großen theoretischen Konzepten, die die individuellen Menschen mit ihren lebensgeschichtlichen Erfahrungen gar nicht mehr in den Blick bekommen.

Noch steht die Bewegung der Geschichtswerkstätten erst am Anfang, doch schon jetzt läßt sich erkennen, daß hier ein vielversprechender Neuansatz historischer Forschung vorliegt, der eine Tradition demokratischer Volksgeschichte begründen könnte: eine historische Kultur von unten, frei vom Muff der Heimatgeschichtsvereine, aber auch fern der Exklusivität akademischer Geschichtswissenschaft.