Von Sibylle Zehle

Als der Vater aus sibirischer Gefangenschaft kam, war er 36 Jahre alt, graugesichtig, dünn und müde. "Mensch, trink, damit du wieder auf die Beine kommst. Nimm ’nen Doppelten, der wird dich wieder zum Leben erwecken!" Der Vater trank, dankbar, gierig; er trank Tage, Wochen, Monate. Bis zur Besinnungslosigkeit.

"Ihn selbst habe ich nicht als unangenehm empfunden", sagt heute der Sohn, "nur diese Kräche, die die Eltern hatten." Er war 1947 sieben Jahre alt. "Und ich habe es gehaßt, wenn ich sonntags mit in die Gastwirtschaft mußte, er stundenlang sitzenblieb und ich nicht nach Hause durfte, mir schlecht wurde von der vielen Limonade."

Die Mutter ertrug den Suff vier Jahre. Dann brachte sie den Vater ins Nachbardorf. Zu den Guttemplern. "Nach dem ersten Besuch in der Gruppe"‚ erinnert sich der Sohn, "ging es wie ein Ruck durch die Familie."

Er spricht gerne von dieser "Phase der Suchtüberwindung". Von einem Tag auf den anderen hörten die schrecklichen Kräche auf, wurde die Familie ruhiger; im Advent bekamen die Kinder vom Guttempler-Nikolaus Nüsse, im Sommer gab es Zeltlager und Schnitzeljagd. "Wir haben den Alkoholverzicht des Vaters als etwas sehr Positives erlebt. Diese Jahre haben uns geprägt." Außerdem sagt Herbert Ziegler, der Sohn, habe der Vater doch gezeigt, daß Veränderung möglich ist, "mit eigenen Augen haben wir es doch gesehen: Es gibt eine Lösung".

Herbert Ziegler ist heute Direktor der "Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren" (DHS). Das ist die Zentralstelle der in der Suchtkrankenhilfe tätigen Freien Wohlfahrtsverbände und Selbsthilfeorganisationen. Ein kleines flexibles Team, gerade neun Mann, mit Sitz in Hamm. Die Lobby der Suchtkranken.

Das Büro unterstützt Aufklärungskampagnen mit Rat und Tat – wie in der vergangenen Woche zum Beispiel die ZDF-Informationsreihe zum Drogen- und Suchtproblem; sie führt, beraten von einem Kuratorium, Wissenschaftler und Praktiker auf großen Fachkonferenzen zusammen – wie in dieser Woche 750 Suchtbekämpfer in Osnabrück; sie sammelt Daten, beantwortet Anfragen, gibt ungezählte Pressemitteilungen und die Fachzeitschrift Suchtgefahren heraus, hilft Betriebsräten bei Anti-Alkoholkampagnen, berät Führungskräfte, Selbsthilfegruppen, Schulklassen, Freizeitvereine.