Von Matthias Naß

Der Ruf war eindeutig: "Marcos, tritt zurück!" skandierten die Zuhörer auf der Galerie im Magsaysay-Saal von Quezon City. Zehn Monate lang war der große holzgetäfelte Versammlungsraum, zwanzig Autominuten vom Zentrum der philippinischen Hauptstadt Manila entfernt, Schauplatz eines politischen Dramas gewesen, das die ganze Nation in Atem hielt. Am Mittwoch der vergangenen Woche löste sich die Spannung im enthusiastischen Applaus des dicht gedrängten Publikums. Vier der fünf Mitglieder einer von Präsident Ferdinand Marcos eingesetzten Untersuchungskommission präsentierten der Öffentlichkeit ein Verdikt von unabsehbarer Sprengwirkung: Der Mord an Oppositionsführer Benigno Aquino, dem mächtigsten Rivalen des Präsidenten, war das Werk einer militärischen Verschwörung, die bis in die höchsten Ränge der philippinischen Streitkräfte reichte. Was für die meisten Filipinos längst feststand, wurde damit zur Gewißheit.

Nicht anwesend war die Ausschußvorsitzende Corazon Agrava. Die pensionierte Richterin hatte bereits Tags zuvor dem Präsidenten ihr Minderheitsvotum überreicht. Auch Frau Agrava läßt keinen Zweifel, daß das Attentat auf Aquino, der am 21. August 1983 bei seiner Rückkehr aus dreijährigem amerikanischen Exil auf dem Flughafen von Manila erschossen wurde, ein militärisches Mordkomplott war. Sie nennt als Hauptschuldigen Brigadegeneral Luther Custodio, den ehemaligen Chef der Flughafensicherheit. Custodio führte Befehl über die 1200 Soldaten, die am Tag der Rückkehr Aquinos den Flughafen von Manila abriegelten. Fest steht für Frau Agrava auch, daß der Mörder unter der sechsköpfigen Eskorte zu suchen ist, die Aquino aus dem Flugzeug führte. Den von der Regierung und den Militärs als Todesschützen identifizierten Rolando Galman, einen angeblichen kommunistischen Agenten, spricht die Ex-Richterin von jeder Schuld frei. Galman wurde entweder unmittelbar nach, oder – was wahrscheinlicher ist – schon vor Aquino von Sicherheitskräften auf dem Flugfeld erschossen.

Soweit stimmen Frau Agrava und ihre vier Kollegen überein. Doch die Kommissionsmehrheit geht weiter. Nach ihrem Urteil war kein geringerer als General Fabian Ver, der Stabschef der philippinischen Streitkräfte, Drahtzieher des Attentats. Neben Ver und Brigadegeneral Custodio gehöre auch der Polizeichef von Manila, Generalmajor Prospero Olivas, zu den Hintermännern des Mordes an Aquino.

Für Präsident Marcos ist das Untersuchungsergebnis vernichtend. Viele seiner Landsleute glauben nicht, daß General Ver ohne Order oder zumindest ohne stillschweigendes Einverständnis seines Herrn das Komplott gegen Aquino angezettelt haben könnte. Inzwischen forderten 59 oppositionelle Parlamentsabgeordnete den Rücktritt des Präsidenten.

Wird der Diktator seinen obersten Soldaten, zugleich den engsten Vertrauten und entfernten Verwandten fallenlassen? Der heute 64 Jahre alte Fabian Ver machte an der Seite von Ferdinand Marcos eine beispiellose Karriere. Als Hauptmann trat er in den fünfziger Jahren in die Dienste des aufstrebenden Kongreßabgeordneten, dessen Chauffeur und Leibwächter er wurde. Als Marcos 1965 zum Präsidenten gewählt wurde, ernannte er Ver zum Chef seiner Palastgarde. (Heute hat dessen Sohn, Oberst Erwin Ver, diesen Posten inne.) Vers Macht wuchs nach der Ausrufung des Kriegsrechts 1972. Dem Präsidenten bedingungslos ergeben, baute er den Geheimdienst zu einem lückenlosen Überwachungs- und Repressionsapparat aus. Ver wurde der Mann, der alles über alle wußte. Marcos belohnte die Dienste seines treuen Vasallen 1981 mit dem Amt des Generalstabschefs.

Einstweilen ist Marcos bemüht, dem weiteren Verfahren einen rechtsstaatlichen Anstrich zu geben. Er beurlaubte Fabian Ver auf dessen Wunsch vorübergehend vom Dienst; als Generalstabschef amtiert vorläufig Vers Stellvertreter, der West-Point-Absolvent Fidel Ramos. Die übrigen beschuldigten Offiziere und Soldaten wurden unter Arrest gestellt. Ein Ombudsmann der Regierung prüft nun die Berichte der Kommission. Wenn es zur Anklage kommt, soll gegen die Verschwörer vor einem zivilen Sondergericht verhandelt werden. Marcos will sich nicht dem Vorwurf der Opposition aussetzen, vor einem Kriegsgericht könnten die Militärs unverdiente Milde finden.