Von Rüdiger Siebert

Willst du die Natur jungfräulich schön wie eine Braut sehen, geh an einem Frühlingstag hin; willst du die blutenden Wunden deines Herzens stillen, komm an einem der letzten Herbsttage wieder. Im Frühling schwingt sich hier die Liebe mit weiten Flügelschlägen zum Himmel auf, im Herbst gedenkt man derer, die nicht mehr sind." Der schwärmerische Rat ist runde hundertfünfzig Jahre alt; ihm zu folgen, lohnt sich noch immer – für empfindsame Naturen allemal und auch für die Liebhaber der Loire, die nach der siebten Schloßbesichtigung, eingekeilt in den touristischen Pulk, der entspannenden Erholung bedürfen.

"Die kranke Lunge atmet eine heilsame Frische", so fuhr einst der gefühlvolle Ortskenner fort, "das Auge ruht sich auf den goldenen Baumkronen aus, die dem Gemüt ihren sanften Frieden mitteilen." Die so gepriesene Landschaft ist im Tal der Indre zu finden, genaugenommen zwischen Azay-le-Rideau mit dem berühmten Schloß, nicht weit entfernt, wo sich die Indre in die Loire ergießt und den Orten Pont-de-Ruan und Montbazon, zwanzig, dreißig Kilometer flußaufwärts.

Südlich von Tours windet sich dieses verwunschene Tal, das den stillen Charme bewahrt, den schon der romantisch anmutende Ratgeber im vorigen Jahrhundert besungen hat. Honoré de Balzac war’s, und dem Homme des Lettres aus Tours hatte es dieses Tal so angetan, das er es zum Schauplatz eines seiner großen Romane erkor: "Die Lilie im Tal – Le Lys dans la vallée". Das Hohe Lied der reinen Liebe, auf Hunderten von Seiten ausgebreitet, mag in heutigen lärmgeplagten Ohren stellenweise arg rührselig klingen. Aber es ist mit dem Buch wie mit dem Tal: Nur wer sich beidem ohne Hast und sehr behutsam nähert, wird eingefangen vom Zauber schwermütiger Harmonie und gelassener Heiterkeit.

Wer dies ignoriert, macht den Ausflug entlang der Indre zur puren Zeitverschwendung. Mit dem schnellen Auto kommt man durch modernisierte Dörfer, fährt sogar einmal an den martialisch gesicherten Eisenzäunen einer atomaren Forschungsanlage vorbei, hält vor spitztürmigen Kirchen, die kein Reiseführer für erwähnenswert hält, und fragt: na und? Nein, so geht’s nicht. So läßt sich nichts vom poesievollen Hauch der Indre erhaschen. Wanderschuhe oder eine Angelrute bilden dazu weitaus sinnvollere Hilfsmittel. Und natürlich Balzacs "Lilie".

Mit diesem Roman hat der Dichter dem Tal ein literarisches Denkmal gesetzt. Er tat’s nicht am fernen Pariser Schreibtisch, sondern an Ort und Stelle im Schloß von Sache, ein paar Kilometer östlich von Azay-le-Rideau. In diesem Landsitz französischen Provinzadels war er während der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts häufig zu Gast, flüchtete sich hinter die grauen Renaissance-Gemäuer vor aufdringlichen Gläubigern und fand die schöpferische Versunkenheit, der die "Lilie im Tal" und einige andere seiner Werke entstammen.

Das Schloß Sache aus dem 16. Jahrhundert, das zu Beginn des 19. renoviert wurde und mit keiner der prachtvollen Loire-Herrlichkeiten wetteifern kann, haben Balzac-Verehrer zu einer Gedenkstätte gemacht, die dem Publikum offensteht. Das Interieur stellt verwelkte Wohlhabenheit in Samt und Seide zur Schau. Die liebevoll zusammengetragene Sammlung in den oberen Etagen spiegelt einen musealen Abglanz dessen wider, was Balzacs Leben und Lieben und Leiden ausmachte. Auf wohlwollenden Ölgemälden und bissigen Karikaturen ist des Dichters Leibesfülle der Nachwelt erhalten. Originalausgaben seiner Bücher, Plastiken seiner Helden aus der "Comédie humaine", Bilder seiner Lebensstationen vermitteln Außenansichten eines Dichters. Das karg möblierte Arbeits- und Schlafzimmer gibt indes nichts mehr preis vom Werden seiner Werke. Dessen Spuren finden sich auf den Fahnenabzügen unter Glas, die mit ihren umfangreichen handschriftlichen Zusitzen oftmals länger als die Erstfassung wurden und zu Wutausbrüchen der Setzer beigetragen haben mochten.