DAS BEBEN IN BONN

/ Von Gerhard Spörl

Am besten lassen sich die Grünen und ihre Wirkung mit einem Gleichnis erklären. Sie befinden sich in einer ähnlichen Lage wie Kaspar Hauser, der "pudelnärrische Fremdling", der vor anderthalb Jahrhunderten urplötzlich in Nürnberg auftauchte. Da stand er nun auf dem Marktplatz und gab den Bürgersleuten Rätsel auf. Die einen munkelten von fernen Auftraggebern, die Böses gegen die Stadt im Schilde führen müßten. Die anderen fanden Gefallen an dem seltsamen Fremden, der eine Ahnung vom unverbildet Menschlichen aufblitzen ließ, weil er die einfachsten Dinge nicht verstand und überaus begierig war, sich das Versäumte anzueignen.

Die Grünen und ihre sinistren Absichten – niemand hat darüber mehr Worte gemacht als CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Zuletzt beschuldigte er sie, "durch Verleumdungen und Verdächtigungen im Stile der Nationalsozialisten und Kommunisten der Weimarer Republik Ehre und Ansehen des Bundeskanzlers zu verletzen und herabzuwürdigen". Anlaß: Einer der Grünen hatte bereits als Tatsache angeprangert, worüber ganz Bonn erst eilfertige Spekulationen anstellte – ob Helmut Kohls Karriere bis zur Spitze von Partei und Regierung eventuell von Flick "freigekauft" worden sei. Die Grünen als Projektionsfläche: Nicht sie hatten das Gerücht in die Welt gesetzt, doch sie mußten sich dafür geißeln lassen.

Die diversen Regierungsskandale der letzten anderthalb Jahre lassen die Grünen aber auch in anderem Licht erscheinen. Ihnen kommt zugute, daß sie anders sind und anders sein wollen als die herkömmlichen Parteien. Das war auch vorher bekannt. Neu ist nur, daß die Grünen eine Belohnung dafür bekommen. Sicherlich sind die ständigen Wahlerfolge seit 1983 bei Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen nicht allein in ihrer moralischen Denkungsart begründet. Aber derzeit gibt es einen Anti-Bonn-Effekt, und die Grünen profitieren kräftig davon. So manches Regierungsmitglied plagt der Alptraum, die Grünen könnten 1987 bei 20 Prozent oder gar mehr landen, wenn sich weiterhin Skandal an Skandal, Enthüllung an Enthüllung, Rücktritt an Rücktritt reiht.

Andere sehen den Siegeszug ebenfalls mit Grausen und erhoffen sich dennoch heilsame Wirkung davon. Der Freiburger Politologe Wilhelm Hennis, ein Konservativer klassischer Provenienz mit ausgeprägtem Sinn für den Zusammenhang von Demokratie und Tugend, der die Selbstbedienungsmentalität der Parteien mit ebenso viel Unbehagen wahrnimmt wie die Existenz einer Anti-Parteien-Partei, hat dazu Erstaunliches geschrieben. Die Grünen, gewollt oder ungewollt, zwängen zur Besinnung: "Viele glauben, die ökologische Bewegung könnte zu einem solchen Anstoß werden. Ich wollte, es wäre so. Ich würde lügen, würde ich sagen, ich könnte es so sehen."